Wenn Sacher-Masoch Genet trifft, geht es ab

Kultur / 23.01.2015 • 20:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Eine Nummer für sich: Wolfgang Pevestorf und Robert Kahr in „Venus in Furs“. Foto: Wagabunt
Eine Nummer für sich: Wolfgang Pevestorf und Robert Kahr in „Venus in Furs“. Foto: Wagabunt

„Die Zofen“ heißt bei Wagabunt „Venus in Furs“. Plüschig ist das nur bedingt.

Christa Dietrich

Dornbirn. „Venus in Furs“, das erinnert uns an die gleichnamige Nummer der amerikanischen Rockband „The Velvet Underground“. Den Song mit leichter, monotoner Sogwirkung gibt es in der neuen Produktion des Vorarlberger Theaters Wagabunt, das erneut im Dornbirner TiK auftritt, wirklich zu hören. Die Novelle von Leopold von Sacher-Masoch (1836–1895), in der sich ein junger Mann einer erträumten Venus unterwirft bzw. sich den sadistischen Neigungen ihres Umfelds so weit ausliefert, bis er (scheinbar) geheilt ist, klingt immerhin an, wenn sich das erwähnte Ensemble nun in freier Interpretation den „Zofen“ von Jean Genet (1910–1986) widmet. 1947 uraufgeführt und zehn Jahre später im deutschsprachigen Raum gelandet, steht das Stück immer wieder irgendwo auf den Theaterprogrammen.

Wutfantasien

Das Aufbegehren gegen die Abhängigkeit oder die Wutfantasien, die ein System auslöst, in dem eine Person einer anderen so gut wie jeglichen Wunsch zu erfüllen hat, ist auch dann noch attraktiv, wenn das Herrscher-Diener-Konzept, mit dem Genet hier unter anderem ein Großbürgertum bloßstellt, im Alltag wohl keine Entsprechung mehr findet. „Die Zofen“ von Genet, dem nach schwerer Jugend und mehreren Konflikten mit dem Gesetz von ärztlicher Seite im Übrigen eine verminderte moralische Verantwortlichkeit attestiert wurde, bieten Schauspielern enorm viele Möglichkeiten, obwohl die Rollen auf den ersten Blick etwas eingleisig scheinen. Wolfgang Pevestorf, quasi ein Urgestein des vor gut 15 Jahren aus dem Theater für Vorarlberg hervorgegangenen Landestheaters, hegte den Wunsch, der dem an sich beim The­ater Kosmos tätigen Regisseur Stephan Kasimir – bleiben wir bei Genet – Befehl war. Mit Robert Kahr fand man den dritten im Bunde und zum Theater Wagabunt, die Herrin braucht es nicht unbedingt, sie tritt im Video von Caro Stark auf, die dem Schauspiel-Regie-Trio ein plüschiges Ambiente bastelt, das vom Reinweiß in leicht verruchtes Rosa getaucht wird, aber stets klarmacht, dass sich hier erstens Abgründe auftun und dass diesen, sobald sie sich als Kellerverliese entpuppen, auch etwas entsetzlich Spießiges bzw. Biederes anhaftet.

Konkreter könnte man die angesprochenen Themen gar nicht in einem Bild vereinen. Stephan Kasimir und das Theater Wagabunt brauchen kein großes Brimborium, das man zuletzt bei den „Zofen“ in München oder in Berlin sah, wo die bekannte Sophie Rois aber immerhin ihre besten Abende hatte.

Eine Nummer für sich

Kahr und Pevestorf sind übrigens eine Nummer für sich. In der Hassliebe, die die einander quälenden Solange und Claire verbindet, schimmert immer wieder etwas von jener Abgestumpftheit durch, der wir im Alltag oder bei der Beobachtung von Paaren begegnen. „Genets Zofen sind zurück“, wie der Untertitel der Bearbeitung lautet, könnte auch „Die Zofen findet man überall“ heißen.

Dass sie auch mit einem Dildo und Ketten hantieren, wirkt derart banal, dass es schon wieder weh tut. Die beiden Zofen, kahlköpfig oder in ihren grindigen Perücken und ihren schwarzweißen Kleidchen über Netzstrümpfen vermitteln die große Traurigkeit in einer übersexualisierten Umwelt. Dass es irgendwo doch noch ein Geheimnis gibt, deutet die Regie an, orten muss es der Zuschauer selbst. Auch das verleiht der Produktion Spannung.