Das Grausame ist und bleibt banal

Kultur / 01.02.2015 • 19:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Richard III.“, das bekannteste von Shakespeares Königsdramen, steht seit dem Wochenende in Konstanz auf dem Spielplan. Foto: Ilja Mess  
„Richard III.“, das bekannteste von Shakespeares Königsdramen, steht seit dem Wochenende in Konstanz auf dem Spielplan. Foto: Ilja Mess  

König Richard III. in Alltagskluft, das hatten wir oft. Ausgereizt ist es deshalb nicht.

Christa Dietrich

Konstanz. Ende März dieses Jahres ist in England eine mehrtägige Zeremonie vorgesehen. Die Gebeine Richard III., der 1485 in der Schlacht von Bosworth ums Leben kam, sollen neu bestattet werden. Eine Analyse des 2012 unter einem Parkplatz in Leicester gefundenen Skeletts, an dem auch österreichische Wissenschaftler beteiligt waren, hat ergeben, dass es sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um die sterblichen Überreste jenes Königs handelt, der der Nachwelt vor allem vertraut ist, weil William Shakespeare seinen blutigen Weg auf den Thron in seinem 1597 erschienenen Drama äußerst drastisch schilderte. In heutigen Inszenierungen des Stücks stellt sich freilich nicht die Frage, wie weit Shakespeare von den historischen Tatsachen abwich und den Kampf um die Macht mit möglichst vielen kaltblütigen Morden und heimtückischen Intrigen zierte, um das darauffolgende Herrschergeschlecht der Tudors, dem seine Gönnerin Königin Elizabeth I. angehörte, in ein besseres Licht zu rücken. Die literarische Figur Richard III. steht für Machtmechanismen und Grausamkeit, die Regisseure darzustellen oder zu ergründen trachten.

Krzysztof Minkowski tut in der aktuellen Neuinszenierung des Theaters Konstanz nichts anderes und auch in der Produktion, mit der das Vorarlberger Landestheater vor einigen Jahren reüssieren konnte, geschah das. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist jedoch groß.

Das Konzept geht auf

Als Ralf Beckord, der Hauptdarsteller in Konstanz, am Premierenabend am vergangenen Wochenende mit monoton zynischer Beiläufigkeit in Erscheinung trat, befürchtete man den Beginn eines jener mühsamen Abende, an denen man Richards finalen Ruf „ein Königreich für ein Pferd“ gerne mit „ein Königreich für einen Notausgang“ ergänzt hätte. Derlei Manierismen wurden in der Klassiker-Pflege der letzten zwei Jahrzehnte nämlich schon reichlich ausgenutzt. Doch Minkowski wiederholt sie nicht, er zitiert sie, um gleich einen anderen Ton anzuschlagen und begibt sich mit dem Spiel auf verschiedenen Ebenen und mit der Verwendung theatralischer Bilder auf einen schwierigen Pfad. Die Reaktionen des Publikums ließen erkennen, dass ihm nicht alle  folgen konnten, imgrunde geht das Konzept jedoch auf.

Im Bühnenbild von Konrad Schaller, das den Übergang in den Nichtschwimmerbereich in einem leeren Becken zeigt, aber auch einer Abwurframpe gleicht, gibt es zwar ein Oben und ein Unten, die Positionierung der Figuren ist jedoch einerlei, enthemmt und zur Täuschung fähig sind sie mehr oder weniger alle. Auch die Witwen leiden nur kurz. Diesen „Richard III.“ treibt kein exponierter Kotzbrocken voran, der Krieg ist ein Dauerzustand, fein herausziseliert als Krieg zwischen Geschlechtern und zwischen Konkurrenten. Als moralische Instanz hat die Kirche jegliche Glaubwürdigkeit verloren, wir blicken auf Böses, das sich – als großartige Ensembleleistung der in verschiedenen Rollen eingesetzten Schauspieler – jegliche Faszination verbietet. Leerlauf entsteht dennoch keiner, denn die kleinen Mechanismen des Machtkampfes werden umso deutlicher, je pointiert banaler die optische Ausformulierung der Grausamkeit oder Horrorszenarien ausfällt.

Die Neubestattung Richard III. soll im März erfolgen.  Foto: Reuters
Die Neubestattung Richard III. soll im März erfolgen. Foto: Reuters

Nächste Aufführung am
4. Februar, 15 Uhr, und zahlreiche weitere: www.theaterkonstanz.de