„Jeder Brief von Ihnen ist ein Ereignis“

Kultur / 06.03.2015 • 21:06 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Das Vorarlberg Museum präsentierte vor einigen Jahren Collagen von Max Riccabona, der Künstler Gottfried Bechtold fertigte dazu eigens eine Hommage á Riccabona aus einem Baum.  Fotos: VM
Das Vorarlberg Museum präsentierte vor einigen Jahren Collagen von Max Riccabona, der Künstler Gottfried Bechtold fertigte dazu eigens eine Hommage á Riccabona aus einem Baum. Fotos: VM

Zum 100. Geburtstag des Vorarlberger Schriftstellers Max Riccabona (1915-1997).

Max Riccabona war ein Phänomen. Schon seine äußere Erscheinung fiel aus der Zeit. Er verkörperte einen Typus, den es in der Nachkriegszeit kaum mehr gab. Er hatte etwas von einem österreichischen Grafen an sich, einem Privatgelehrten und einem Jäger, mit einer Prise Faun. Wenn man sich mit ihm unterhielt – so erinnert sich jedenfalls der Schauspieler Mario Plaz – , öffnete sich oft auf ein Stichwort eine Tür, durch die man in eine ganz andere Welt eintrat. Andere wieder haben Riccabona als monologisierenden Alleinunterhalter im Gedächtnis, der auf manche auch abschreckend wirkte.

Riccabona wurde am 31. März 1915, also noch in der
österreichisch-ungarischen Monarchie, in Feldkirch geboren und wäre heuer 100 Jahre alt geworden; 1997 ist er in der Pflegeanstalt Jesuheim in Lochau gestorben.

„Halbgreyffer“

Seit seinem Tod ist es um seine Person und um sein Werk still geworden, deshalb ist es umso wichtiger, zu seinem 100. Geburtstag an diese einzigartige Persönlichkeit und ihr Werk zu erinnern. Keines seiner Bücher ist mehr auf dem Buchmarkt erhältlich, weder sein avantgardistisches und satirisches Romanprojekt, die „Bauelemente zur Tragkomödie des x-fachen Dr. von Halbgreyffer oder Protokolle einer progressivsten Halbbildungsinfektion“ (1980), noch die fragmentarischen Erinnerungen an seine Haft im KZ Dachau „Auf dem Nebengeleise“ (1995) oder der Band „poetatastrophen“ (1993), der faksimilierte Gedichte und Auszüge aus dem „Halbgreyffer“ vereint. Auch der Tagungsband „Max Riccabona. Bohemien – Schriftsteller – Zeitzeuge“ (Innsbruck 2006) konnte daran nichts ändern. In den 1980er- und 1990er-Jahren war Max Riccabona geradezu eine Kultfigur der österreichischen Avantgardeliteratur gewesen, hochgeschätzt etwa von Wolfgang Bauer, der eine legendäre Rezension zu einer Riccabona-Lesung im Forum Stadtpark Graz geschrieben hat, mit dem Untertitel „Sätze wie donnernde Bisons“. Er wurde zu Lesungen nach Wien oder an die ETH Zürich eingeladen, für sein literarisches Werk erhielt er den Ehrenpreis des Vorarlberger Buchhandels. Eine Wiederbeschäftigung mit Riccabonas OEuvre, vor allem dem „Halbgreyffer“, wäre gerade jetzt, in einer Zeit, in der es keine literarische Avantgarde mehr gibt und die meisten Romane konventionell geschrieben sind, erfrischend und zum Nachdenken über alternative Formen anregend.

Heute haben eher die Riccabona-Kritiker das Sagen, die seine Glaubwürdigkeit als Zeitzeuge anzweifeln. Man findet aber immer wieder Belege für Riccabonas zuverlässiges Gedächtnis.

Max Riccabona ist eine einzigartige Figur der österreichischen Zeitgeschichte: Er war stolz auf seine Herkunft aus einer welschtiroler Adelsfamilie – wenn auch aus einem Zweig, der wegen einer unehelichen Geburt im 19. Jahrhundert das Recht verloren hatte, sich „von“ zu nennen, aber das focht ihn nicht an. Als Absolvent der Konsularakademie in Wien und Jurist hätte er wohl, wie sein Jahrgangskollege Kurt Waldheim, eine Karriere im österreichischen diplomatischen Dienst ergriffen, wenn die Weltgeschichte ihm nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Er engagierte sich im monarchistischen Widerstand gegen Hitler, wurde 1941 inhaftiert und 1942 als politischer Häftling ins KZ Dachau eingeliefert, wo er bis zur Befreiung 1945 blieb, eine Zeitlang als Leichenträger und Schreiber in der Abteilung des berüchtigten SS-Arztes Dr. Rascher. Wie aus unveröffentlichten Briefen im Nachlass hervorgeht, die im Brenner-Archiv in Innsbruck liegen, hat Riccabona in der Nachkriegszeit durchaus versucht, seine Erfahrungen bei Rascher weiterzugeben, es interessierte sich aber niemand dafür. Riccabona übersetzte auch das Buch des französischen Journalisten Christian Bernadac über die medizinischen Experimente in den Konzentrationslagern, „Les médecins maudits“ (1967), und suchte im deutschen Sprachraum einen Verleger dafür, allerdings ebenfalls vergeblich. Kurz nach der Befreiung erkrankte er an Fleckfieber; die Folgen dieser Krankheit und vermutlich auch die Traumatisierung durch die KZ-Haft machten ihm später schwer zu schaffen. In der Vorarlberger Landespolitik trug er als Landesvorsitzender der Österreichischen demokratischen Widerstandsbewegung viel zum guten Verhältnis zur französischen Besatzungsmacht bei. Von der Republik Österreich wurde er 1979 mit dem Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs von der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ausgezeichnet. Riccabona zog sich bald aus der Politik zurück und arbeite bis 1967 als Rechtsanwalt, dann musste er seinen Beruf, den er eher widerwillig ausgeübt hatte, aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen aufgeben, wurde teilentmündigt und lebte fortan als Pensionär im Jesuheim in Lochau.

Widerstandskämpfer

Damals schuf er sich eine zweite Existenz als Schriftsteller und bildender Künstler – er verfertigte Collagen – und er erschuf sich selbst neu als Kunstfigur. Die adelige und bildungsbürgerliche Herkunft, Studien in Graz, Wien, Cambridge, Perugia und Salamanca, die abenteuerliche und geheimnisumwitterte Vergangenheit als Widerständskämpfer
mit Geheimdienstaktivitäten und eine Reihe von Bekanntschaften mit Größen der europäischen Kultur wie James Joyce, Joseph Roth oder Ezra Pound waren die Elemente, aus denen Max Riccabona dieses Bild von sich selbst inszenierte. Man kann das wohl interpretieren als Reaktion auf die fast erlittene Vernichtung durch die Nationalsozialisten.

Im KZ noch unter das Niveau von Vieh hinuntergedrückt und wie Ungeziefer behandelt, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, ermöglichte es ihm seine interessante Biographie und Phantasie, dem ein anderes Bild von sich selbst entgegenzusetzen. Dass er in Details dabei manchmal von der Wahrheit abwich oder ihn seine Erinnerung einfach täuschte, erscheint verzeihlich. Vieles, wie seine geheimdienstliche Tätigkeit, ist aber einfach noch nicht erforscht und kann mangels Quellen vielleicht auch nie erforscht werden.

Briefe

Ein Teil von Riccabonas nicht nur biographisch, sondern auch literarisch bemerkenswertem Schaffen ist der Öffentlichkeit noch kaum bekannt: die Briefe. Gerade nach dem Krieg und nach seiner Pensionierung hat er versucht, mit allen möglichen Briefpartnern in Kontakt zu treten: mit Theodor W. Adorno, mit Joseph Beuys, mit Klaus Harpprecht, mit David Bronsen und vielen anderen. Leopold Figl, seinen Leidensgenossen aus Dachau, den späteren österreichischen Außenminister und Bundeskanzler, hat er seit 1945 immer wieder mit Analysen der politischen Lage und Ratschlägen versorgt. Riccabona hat auch immer wieder mit Protestbriefen auf unzumutbare, vor allem antisemitische Übergriffe reagiert. So hat er z. B. 1965 ein langes Schreiben an den damaligen Vizekanzler Pittermann verfasst, in dem er sich heftig dagegen verwehrte, daß Pittermann in der „Sendung des Vizekanzlers“ die antisemitischen Äußerungen im Rahmen der Borodajkewicz-Affäre mit dem „Geist von Fußach“ in Verbindung brachte. Hier erwies er sich trotz seiner Weltläufigkeit auch als Vorarlberger Patriot. Andererseits beschwerte er sich aber auch beim Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, als dieser Jodler und Trachtenträger nur mit der FPÖ in Verbindung brachte und nicht berücksichtigte, daß Jodler und Trachtenträger wie Riccabona selbst auch im nationalsozialistischen Widerstand tätig gewesen waren.

Riccabonas Gabe, die Leute zum Lachen zu bringen, kommt in den Briefen trotz ihres oft tragischen Hintergrundes häufig zum Tragen. David Bronsen, der Biograph von Joseph Roth, hat Riccabona einmal geschrieben: „Jeder Brief von Ihnen ist ein Ereignis […].“ Die Briefe sind sicher der beste Weg, Zugang zu den vielen Facetten der Persönlichkeit von Max Riccabona zu finden. Sie sind aber auch hochinteressante und spannend zu lesende zeitgeschichtliche Dokumente und Beispiele des literarischen Genies von Max Riccabona.

Zum Schluss noch eine persönliche Erinnerung: Bei der Verleihung des Ehrenpreises des Vorarlberger Buchhandels, die 1991 in der Höheren Technischen Lehranstalt in Rankweil stattfand, ergriff Max Riccabona das Wort, dankte knapp und sprach – für ihn sehr ungewöhnlich – über die harten Jahre im KZ Dachau, die er und seine Mithäftlinge für die Freiheit Österreichs und für eine bessere Zukunft ohne Hitler auf sich genommen hätten. Mit einem Blick auf das jugendliche Schülerpublikum fügte er hinzu: „Und wenn ich euch anschaue, muss ich sagen: ihr wart es wert.“ Und auf die Frage, was er mit seinen damals 76 Jahren zu dieser Ehrung sage, meinte er mit ironischer Grandezza: „Sie kommt wohl etwas früh … Wenn man bedenkt, was ich publiziert habe.“

„Museumsshop“ bezieht sich hier auf eine unkuratierte Ausstellung mit Arbeiten von Künstlern, welche in ihrer Auffassung von Kunst nicht unbedingt in Beziehung zueinander stehen. Die Eröffnung des „Museumsshop“ findet heute, 20 Uhr, in der Galerie Lisi Hämmerle in Bregenz statt. Die Zeit der entstandenen Arbeiten erstreckt sich von Anfang des 20. Jahrhunderts (Fritz von Herzmanovsky Orlando) bis heute. Es kam eine Mischung aus preisgünstigen Editionen ab 50 S bis zu Unikaten in anderen Preisdimensionen zustande und zeigt einen Überblick der unterschiedlichsten Stilrichtungen. Namen einiger Künstler, von denen Arbeiten zu sehen sind: Max von Riccabona, Ingmar Alge, Gottfried Bechtold, Carla Degenhardt, Urs Lüthi, Franz West, Ruth Schnell u. v. a. Eine Collage von Max von Riccabona. (Foto: Galerie Lisi Hämmerle)
„Museumsshop“ bezieht sich hier auf eine unkuratierte Ausstellung mit Arbeiten von Künstlern, welche in ihrer Auffassung von Kunst nicht unbedingt in Beziehung zueinander stehen. Die Eröffnung des „Museumsshop“ findet heute, 20 Uhr, in der Galerie Lisi Hämmerle in Bregenz statt. Die Zeit der entstandenen Arbeiten erstreckt sich von Anfang des 20. Jahrhunderts (Fritz von Herzmanovsky Orlando) bis heute. Es kam eine Mischung aus preisgünstigen Editionen ab 50 S bis zu Unikaten in anderen Preisdimensionen zustande und zeigt einen Überblick der unterschiedlichsten Stilrichtungen. Namen einiger Künstler, von denen Arbeiten zu sehen sind: Max von Riccabona, Ingmar Alge, Gottfried Bechtold, Carla Degenhardt, Urs Lüthi, Franz West, Ruth Schnell u. v. a. Eine Collage von Max von Riccabona. (Foto: Galerie Lisi Hämmerle)
Max Riccabona war auch eine Kultfigur der österreichischen Avantgardeliteratur. Foto: Felder-Archiv
Max Riccabona war auch eine Kultfigur der österreichischen Avantgardeliteratur. Foto: Felder-Archiv

Das Felder-Archiv veranstaltet am 11. März, 20 Uhr, eine Lesung zum 100. Geburtstag von Max Riccabona im Foyer des Kornmarkttheaters in Bregenz. Es liest der Schauspieler Mario Plaz.