Wo blindes Vertrauen herrscht

07.04.2015 • 18:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Symphonieorchester Vorarlberg brillierte bei seinem 4. Abo-Konzert im Feldkircher Montforthaus.  Foto: Silvia Thurner  
Das Symphonieorchester Vorarlberg brillierte bei seinem 4. Abo-Konzert im Feldkircher Montforthaus. Foto: Silvia Thurner  

Gérard Korsten und das SOV haben mit Lutosławski das Publikum erobert.

FELDKIRCH. So viel Begeisterung um ein Stück neuer Musik am Ostermontag im Montforthaus! Es war mit dem „Konzert für Orchester“ des Polen Witold Lutosławski immerhin ein zeitloses Glanzstück moderner Orchesterliteratur. Es war aber auch die Art, wie das Symphonieorchester Vorarlberg und sein Chefdirigent Gérard Korsten damit umgegangen sind und dieses Werk zum Highlight ihres 4. Abo-Konzerts gemacht haben.

Ein so toller Leistungsbeweis funktioniert überhaupt nur, wenn zwei sich blind aufeinander verlassen können, ein Dirigent, der das Orchester seit 20 Jahren kennt und seit 2005 als dessen Chef am Pult steht, und Musiker, die sein oft ausuferndes Temperament ebenso schätzen wie sein Qualitätsbewusstsein, das von ihnen das Letzte fordert. Dabei waren die äußeren Bedingungen nicht optimal: Es herrschte in der Riesenbesetzung von rund 100 Musikern drangvolle Enge in der bis auf den letzten Platz besetzten Orchestermuschel. Egal, wenn es darum geht, gemeinsam ein glänzendes Musikporträt zu realisieren, das das Fehlen eines Solisten an diesem Abend vergessen macht, weil diesmal eben das Orchester im Mittelpunkt steht.

Eifer und Energie

Dieses 1954 entstandene Werk hat Geschäftsführer Thomas Heißbauer in seiner ersten eigenen Saison seit Herbst ins Programm genommen. Mit Herzklopfen um das Gelingen, wie er den Vorarlberger Nachrichten gesteht. Letztlich alles kein Problem für Leute, bei denen man den Eifer merkt und die Energie, mit denen sie sich dieses extrem schwierige Werk in allen Registern zur gemeinsamen Visitenkarte zurechtgeformt haben. Ebenso die zum Greifen präsente Konzentration bei der Wiedergabe. Lutosławkis eigenwillige, aber faszinierend effektvoll zeitgemäße Tonsprache wird hier mit Leben und Leidenschaft erfüllt, mit leuchtenden Farben und kraftvollen Akzenten in den folkloristischen Elementen. Das Werk mündet in ein furioses Finale, das das Orchester beinahe explodieren lässt. Ein phänomenaler Eindruck! Begonnen hat der Abend mit fünf Intermezzi aus der 1993 uraufgeführten Oper „Glaube, Liebe, Hoffnung“ des Wiener Komponisten Gerhard Schedl; stark menschlich und emotional geprägte Bilder von existenzieller Not, Satire und Tragödie, die den Boden bereiten für den Kraftakt mit Lutoslawski. Den größtmöglichen Gegensatz dazu bildet in ihrer vergeistigten, religiös verbrämten Machart Anton Bruckners Symphonie Nr. 1 in c-Moll. Das Werk zeigt im blockartigen Aufbau seiner Klangarchitektur, der Terrassen-Dynamik und der vitalen Rhythmik bereits Grundzüge seiner späteren Symphonien, kommt aber noch nicht an die überragende Genialität etwa der berühmten „Siebten“ oder „Achten“ heran.

Großer Jubel

Dennoch wirkt auch dieses selten gespielte Stück absolut glaubwürdig, vor allem auch, weil damit der international gegen seinen Willen oftmals als „Mozart-Spezialist“ abgestempelte Gérard Korsten zum wiederholten Mal beweisen kann, dass er auch Bruckner „drauf hat“. Und wie! Er modelliert packend die harmonischen Schärfen, die wunderbare Innenspannung im Adagio mit einem „Wald“ von 60 Streichern unter Führung des fabelhaften polnischen Konzertmeisters Pawel Zalejski vom berühmten „Apollon Musagète“-Quartett, die Leichtigkeit des etwas trivialen Scherzos und lässt das abrupte Ende der Symphonie als tastendes Suchen Bruckners nach der endgültigen Form wie ein Fragezeichen offen. Auch hier großer Jubel im ausverkauften Saal.

Hörfunkwiedergaben: 19. und 26. April, 20.05 Uhr, Radio Vorarlberg Nächstes Abo-Konzert des SOV: 9. Mai, Montforthaus, 10. Mai, Festspielhaus, Beginn 19.30 Uhr