Ich kann das gar nicht mehr anhören

10.04.2015 • 19:35 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Maria Hofstätter wurde inzwischen für Rollen in Seidl-Filmen ausgezeichnet.  Foto: Divina  
Maria Hofstätter wurde inzwischen für Rollen in Seidl-Filmen ausgezeichnet. Foto: Divina  

Literarische Auffrischung der Erinnerung an ein Vorarlberger Theaterereignis mit Maria Hofstätter.

(VN) „Geh, Grete, ich kann das gar nicht mehr anhören, diese schlechten Ausdrücke. Immer nimmst du so ordinäre Wörter in den Mund. Immer hört man bei dir nur: Scheißdreck, Scheißdreck, Scheißdreck. Man kann ja auch Haufi sagen oder Stuhl, nicht immer: scheißen, scheißen, scheißen.“ (Erna)

„Schwabisch“ nennen das deutschsprachige Feuilleton und die zeitgenössischen Literaturwissenschaften die spezielle Kunstsprache des vor über 20 Jahren in der Neujahrsnacht an einer Atemlähmung verstorbenen Grazer Autors Werner Schwab (1958–1994). Er konstruiert eine neue Sprache – eine aggressive „Attacke“ auf die elaborierte Theatersprache –, die durch umgangssprachliche Ausdrücke, Dialektversatzstücke und Vulgärvokabular gekennzeichnet ist: „Die Sprache, die die Präsidentinnen erzeugen, sind sie selber“, erklärt der Autor seinem Publikum.
„Die Präsidentinnen“ ist Schwabs meistgespieltes Stück und gilt längst als Klassiker der neueren deutschen Dramatik. Damit gelang ihm vor fünfundwanzig Jahren der Durchbruch als bedeutender Bühnenautor. Gemeinsam mit „Mein Hundemund, Übergewicht, unwichtig: Unform“ und „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ gehört dieser Theatertext zur Tetralogie der sogenannten „Fäkaliendramen“, die sowohl surreal als auch sozialkritisch wirken.

Schwabs Werk, das in den 1990er-Jahren an deutschsprachigen Bühnen landauf landab gespielt wurde, war in den letzten Jahren kaum noch an Theatern zu finden. Derzeit scheint es aber, als würden vor allem „Die Präsidentinnen“ für das zeitgenössische engagierte Theater wiederentdeckt: Erst im vergangenen Oktober hat die Schweizerin Simone Blattner „Die Präsidentinnen“ für das Grazer Schauspielhaus umgesetzt. Die Version, die ein halbes Jahr davor am Volkstheater in Wien Premiere hatte, stammt vom Regisseurs Miloš Lolić.

Aktuelle Frische

Dietmar Nigsch und Maria Hofstätter vom Projekttheater Vorarlberg erklären die Bedeutung und aktuelle Frische des Schwab-Stückes damit, dass Schwab einen ureigenen Stil in seinen Texten entwickeln konnte. Er behandelt in radikaler Form zeitlos menschliche Themen um Liebe, Verletzungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen. Eine neue Generation, glauben die beiden Theaterexperten, scheint Schwabs unwiderstehliche Sprachkraft wieder zu entdecken, die auch in zahlreichen Übersetzungen wunderbar funktioniert. Man kann ihn daher durchaus als Klassiker des Volkstheaters im besten Sinne sehen – kraftvoll und unerhört.
1990 wurden „Die Präsidentinnen“ erstmals im Künstlerhaus Wien aufgeführt. Nur fünf Jahre später nahm sich das Vorarlberger Projekttheater rund um Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch dieses Stückes an und präsentierte seine Variante im Theater am Saumarkt.
Hofstätter, inzwischen als Schauspielerin in Filmen von Ulrich Seidl weithin bekannt und international ausgezeichnet, und Dietmar Nigsch erklären ihre damaligen Beweggründe für diese Stückwahl damit, dass sie als freie Theatergruppe stets auf der Suche nach zeitgemäßen Theaterstücken waren und in den 1990er-Jahren diese Dramatiker, die schonungslos explosiven Theaterstoff lieferten, genau beobachteten. Unter ihnen befand sich auch Werner Schwab mit seinen „Fäkaliendramen“, die eine „brave“ Theaterlandschaft gehörig durcheinanderwühlten. Schwab galt damals als „Entdeckung“ in der Vorarlberger Theaterlandschaft.

Das Stück präsentiert die drei Präsidentinnen Erna, Grete und Mariedl, die in einer „grotesken“ Wohnküche sitzend – der Fernseher läuft, aus dem der Papst gerade den Segen urbi et orbi erteilt –, über ihr Leben, ihre Kinder, über Sex und verstopfte Aborte philosophieren. Nach ein paar Gläschen Wein fantasieren sie ihr persönliches Glück herbei: Erna erobert endlich ihren katholischen Fleischer Wottila, Grete ihren feschen Tuba-Bläser Freddy und Mariedl befreit wieder einmal alle Aborte dieser Welt von stecken gebliebener Scheiße. Die Realität sieht aber anders aus: Mariedl prophezeit ein furchtbares Ende, die Rache der Kinder wird kommen . . .

Vom Shit zum Hit

Schwabs Stück ist böse und witzig zugleich, komödiantisch und zynisch. Verdrängung ist die vordergründige Charaktereigenschaft der drei Präsidentinnen. Sie versuchen zu vergessen: den alkoholkranken Sohn, die vom Stiefvater missbrauchte Tochter, die nazistische Vergangenheit, ihr eigenes schreckliches Leben.
„Und die Hannelore? Und wenn man weiß, dass man wissen muss, dass der eigene Ehemann die eigene Tochter im eigenen Ehebett bestraft? Was ist dann bitteschön? Warten muss man und zuschaun, was die Vorsehung zusammenbaut mit den Menschen.“ (Grete)

Grete ist dumm und geil, Erna erzkonservativ und verschroben, und Mariedl vollkommen abgedreht – wunderbare Rollen für Dietmar Nigsch (Grete), Martina Spitzer (Erna) und Maria Hofstätter (Mariedl), die (nicht nur) damit längst zu den Publikumslieblingen des Vorarlberger Theaterpublikums avanciert sind. Walter Hiller, der ursprünglich die Regie für die vorliegende Inszenierung gemacht hat, ist leider nicht mehr beim Projekttheater dabei.
Dietmar Nigsch erinnert sich, dass Walter Hiller ganz dem Text und den drei Schauspielerinnen vertraut hatte. Im minimalistischen Bühnenbild sollte sich der Zuschauer ganz auf die drei Charaktere und die Schwab-Sprache konzentrieren können. Für „Die Präsidentinnen“ erhielt das Projekttheater Vorarlberg 1999 den Theaterpreis der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK).
Die Projekttheater-Premiere fand im Juni 1996 im Theater am Saumarkt in Feldkirch statt. Die Reaktionen waren sehr geteilt, berichten Hofstätter und Nigsch, von Jubel bis demonstrativem Verlassen der Vorstellung. Die stark kontroversiellen Meinungen weckten jedoch die Neugierde auf den neuen „Fäkaliendramenautor“ Schwab und auf die „Präsidentinnen ihres eigenen Unglücks“ – wie Schwab gerne seine drei Bühnenfiguren nannte. Eine gut funktionierende Mundpropaganda führte „Die Präsidentinnen“ vom „Theatershit“ zum „Theaterhit“, das Stück wurde seit der Premiere 1996 bereits an die 200 Mal im deutschsprachigen Raum aufgeführt, davon waren an die 50 Vorstellungen in Vorarlberg, erzählt Maria Hofstätter über den großen Erfolg des Projekttheaters mit dieser Inszenierung.

Sprachkosmos

Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch konnten Werner Schwab 1992 persönlich kennenlernen. Sie spielten im Theater Phönix in Linz noch unter seiner Regie in seinem Stück „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“, daher war ihnen der unverwechselbare Sprachkosmos bereits vertraut, als sie „Die Präsidentinnen“ für Vorarlberg erarbeiteten. SchwabTexte zu lernen, sagen sie, ist nicht so einfach, Schwab zu spielen umso wunderbarer.

Es ist eine Hommage an Werner Schwab, bekennen Maria Hofstätter und Dietmar Nigsch anlässlich der Wideraufnahme des Stückes 21 Jahre nach seinem Tod und 20 Jahre seit der Premiere im Theater Saumarkt. „Warten muss man und zuschaun,
. . .“­ (Grete)

„Die Präsidentinnen“ gibt es am 17. und 18. April am Saumarkt.
„Die Präsidentinnen“ gibt es am
17. und 18. April am Saumarkt.