Die Momente, in denen sich die Herzen öffnen

Kultur / 06.05.2015 • 18:54 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Schreckliche und das Schöne gehen beim Künstler Furioso Hand in Hand.  Fotos: Furioso/AG  
Das Schreckliche und das Schöne gehen beim Künstler Furioso Hand in Hand. Fotos: Furioso/AG  

Im Bildungshaus sind Arbeiten von Roland „Furioso“ Ott (1962–2013) zu sehen.

BATSCHUNS. Es hat sie schon gegeben, die Möglichkeiten, seinem Werk zu begegnen. Aber wirklich präsent und verankert war Furioso, wie sich Roland Ott (1962-2013) als Künstler genannt hat, nicht in der Kunstwelt. Das hat sich auch nach seinem Freitod vor knapp zwei Jahren nicht geändert. Umso wichtiger sind Ausstellungen wie jene im Bildungshaus Batschuns, die die Erinnerung an das Schaffen eines eigenwilligen Zeichners und Malers wach halten.

Friseurbilder

Ab wann ist man ein Künstler? Für Roland Ott, Sohn des avantgardistischen Schlinser Couturiers Engelbert Ott, war der Zeitpunkt klar bestimmt. Mit dem 1. Jänner 1992 ließ er sein bürgerliches Leben als Konditormeister hinter sich und widmete sich fortan als „Furioso“ der Kunst. So furios wie zu Beginn seiner freischaffenden Tätigkeit als Künstler, als er sich autodidaktisch neu bestimmen musste, und neben der Glorifizierung und der ironisch-satirischen Betrachtungsweise, die der Künstlername mit sich brachte, auch einiges an Wut mitschwang, ist es Furioso später nicht mehr angegangen. Aber die Irritation blieb ein wesentliches Mittel seiner Aktionen und figurativen Kunst, die sich zuvorderst am „Lieblingsobjekt“ Mensch und im Medium Zeichnung manifestierte. Diese beiden Aspekte bringt auch die Präsentation in Batschuns auf den Punkt, die gemeinsam von Johannes Ludescher vom Bildungshaus und Alois Galehr, als (Künstler)Freund Furiosos, kuratiert wurde. Einen ersten Blickfang bilden die sogenannten „Friseurbilder“, die im Schaffen von Furioso eine Konstante darstellen. Über viele Jahre „nebenbei“ entstanden, nach Vorlagen aus Modemagazinen und Illustrierten, wirken die poppig-bunten Köpfe und Porträts, die jeweils (und auch jetzt aktuell) bei einem Friseur in Rankweil im Schaufenster ausgestellt waren, wie scheinbar leicht und von schneller Hand hin- gemalte Gegenstücke zu den akribischen Zeichnungen. Paradiesvögel, exotische Mädchen und freche Jungs, wilde Schönheiten und fröhliche Gesichter geben sich hier ein Stelldichein.

Schrecklich und schön

Jenseits dieser „Lockerungsübungen“ und dem oberflächlichen Glanz dieser Abbilder aus der Medienwelt, offenbart sich Furiosos Auseinandersetzung mit dem Menschsein in den grafischen Arbeiten in ganz anderer Dimension. Hintersinnig, fein hingestrichelt, exakt umrissen, thematisiert der Künstler in bildhaften, für sich sprechenden Darstellungen die Sorgen und Ängste des Menschen, und zuweilen auch die Brutalität, die man im Leben erfährt und die in der sauber gezeichneten, peniblen Art des Künstlers noch stärker zum Ausdruck kommt.

Das Schreckliche und das Schöne gehen bei Furioso Hand in Hand. Auch hier sind es vor alle Köpfe und Kopfpaare, subsumiert unter dem Thema „Altes Testament“, deren doppelbödiges Innenleben der Zeichner freilegt und die Verletzlichkeit, Schmerz und Spaltung demonstrieren. In anderen Serien tauchen Tiere oder Fabelwesen auf, die nur aus Muskelsträngen oder Klauen zu bestehen scheinen. Und auch gesellschafts- und konsumkritisches bringt Furioso aufs Blatt, wie die Baby-Buddha-Körper, deren Köpfe durch Logos wie den Nike-Swoosh ersetzt werden. Vom Perfektionisten und seinem Auge und Gespür fürs Detail zeugen nicht nur die filigran gezeichneten Blätter, die teilweise aufkaschiert und mit Text und Fotos unterlegt sind, sondern auch die eigens von einem Schreiner nach Maß gefertigten Behältnisse, Holzkästchen und Vitrinen mit Farbverläufen. Auch wenn ihm die Welt, nach eigenem Bekunden, „immer ein wenig fremd“ blieb – in seiner Kunst war er zu Hause und konnte sich öffnen, immer wieder: „Das Leben eines Menschen ist ein einziger Versuch, über die Umwege der Kunst wieder die wenigen Minuten wach werden zu lassen, in denen sich sein Herz zum ersten Mal öffnet.“

   
   
   
   
   
   

Die Ausstellung ist im Bildungshaus Batschuns, Kapf 1, in Batschuns, bis 9. September geöffnet, Mo bis Sa, 9 bis 17 Uhr, So, 9 bis 12 Uhr.