Ein Blick zurück ohne Zorn

08.05.2015 • 16:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Gesellschaftskritik ohne Zeigefinger, das geht. „Roxy“ von Dietmar Sous ist ein sympathisches Roadmovie.

roman. (bl) Deutschland in einer Kleinstadt Mitte der Siebzigerjahre. Willy Brandt amtiert als Bundeskanzler und die Lokalpolitiker geben stolz die Eröffnung der Fußgängerzone und eines neuen Autobahnanschlusses bekannt. Doch der knapp achtzehn Jahre alte Paul, von seinen Kumpels Roxy genannt, hat andere Sorgen. Das Zusammenleben mit seiner alleinerziehenden Mutter und ihren ständig wechselnden Liebhabern nervt zusehends, die Aussicht auf Lehre oder Job ist auch nicht gerade aufregend und da ist noch das Militär, das Roxy zwecks Einberufung immer heftiger auf den Fersen ist. Einzig die Verlockungen des weiblichen Geschlechtes – der Sommer ist ausnahmsweise nicht verregnet und der Minirock gerade in Hochblüte – geben dem angehenden jungen Wilden die Richtung vor.

Flott geschrieben

Tatsächlich verliebt er sich denn auch bald in Sonja, ein Töchterchen aus sehr gutem Haus und somit ökonomisch für ihn ein paar Nummern zu groß. Als Roxy sich schon fast am Ziel seiner Träume angekommen sieht, zerplatzt die schöne Illusion und wirft ihn zurück in die Niederungen des bundesdeutschen Kleinstadtalltags. Der drohenden Gefängnisstrafe wegen Desertion entkommt er nur um Haaresbreite und muss dafür Zivildienst an einem Krankenhaus ableisten. Hier bleibt ihm das Glück nun einigermaßen treu. Er erlebt nicht nur seine erste sich groß und wahr anfühlende Liebe, sondern stößt, mit schöner Regelmäßigkeit, in den Krankenzimmern auf einige jener Menschen, die ihm in den Monaten zuvor das Leben schwer gemacht hatten, ganz nach dem Motto „Man sieht sich immer zweimal“.

„Roxy“ ist ein flott geschriebenes, sympathisches Roadmovie, unterhaltsam, witzig – ein Blick zurück ohne Zorn und mit einer gehörigen Prise Melancholie.

„Roxy“ führt in ein Deutschland unter Willy Brandt. Foto: EPA
„Roxy“ führt in ein Deutschland unter Willy Brandt. Foto: EPA

Dietmar Sous: „Roxy“, Transit Verlag, 144 Seiten.