Realität und normaler Wahnsinn

Kultur / 28.05.2015 • 19:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zeichnung von Hoor. Fotos: AG
Zeichnung von Hoor. Fotos: AG

In der Artenne begegnen sich Linoldrucke von May-Britt Nyberg-Chromy und Zeichnungen von Thomas Hoor.

NENZING. (VN-ag) Ein Ausstellungstitel wie „Kein Gras, kein Heu, kein Leckstein“ macht wohl nur an diesem Ort Sinn, nämlich im ehemaligen Kuhstall der Artenne Nenzing, dessen Wände sich aktuell die Arbeiten von May-Britt Nyberg-Chromy und Thomas Hoor gerecht teilen.

Künstlerische Leidenschaft

Statt Gras, Heu und Leckstein gibt es in der von Karlheinz Pichler kuratierten Schau Linoldrucke der 1965 in Dänemark geborenen, seit 1993 in Feldkirch lebenden und arbeitenden May-Britt Nyberg-Chromy sowie Zeichnungen des Bregenzer Künstlers Thomas Hoor, Jahrgang 1968, zu sehen. Beide zeigen Arbeiten auf Papier, beide befassen sich darin mit dem Alltag und bringen ihre jeweils ureigene Sicht auf die Dinge aufs Blatt. Im dialogischen Gegenüber hat die Schau etwas von einem Aufeinandertreffen der kleinen, scheinbar banalen Lebensrealität mit dem ganz normalen Wahnsinn, den uns die Medienflut täglich ins Wohnzimmer spült. „Unfall“ heißt es beispielsweise lakonisch bei May-Britt Nyberg-Chromy, die mit den jüngsten Linoldrucken zu ihrer „ersten künstlerischen Leidenschaft“ (Chromy) und damit auch ein wenig zu ihren künstlerischen Wurzeln zurückkehrt. Beim Linolschnitt kommt der Künstlerin das prozessuale Arbeiten und die Möglichkeit, das Linol, im Gegensatz zum Holz, das von der Maserung bestimmt wird, frei in alle Richtungen zu schneiden, entgegen. Dass die Formen reduziert, teilweise fast grob und ungelenk wirken, aber auch direkt und unmittelbar, ist ebenfalls der Technik geschuldet. Neben schnellen, kleinformatigen Motiven wie einem Schirm oder einem Glas, stellt May-Britt Nyberg-Chromy auch Menschen und Begebenheiten aus ihrem Umfeld dar.

So erzählt sie auf ihre zuweilen verspielte Art und Weise vom Alltag, protokolliert das Leben um sie herum. Zu interessanten Verschmelzungen, nicht nur was Titel wie „Tanzschweinschuhe“ oder „Kühlflaschenkühler“ anbelangt, kommt es, wenn die Künstlerin mit Linoldrucken auf Fotocollage experimentiert. Die dabei entstehenden Blätter könnten gut denkbar die Basis für mögliche Weiterentwicklungen im Werk bilden. Grundsätzlich eigenständig, abgekoppelt von der Malerei, entstehen auch die Zeichnungen von Thomas Hoor. Im Gegensatz zu den fast archaisch reduzierten Motiven seiner Ausstellungspartnerin geht es in den narrativ angelegten Blättern von Hoor aber rund. Der Künstler, der seine Motive, so absurd sie bisweilen auch wirken, aus handelsüblichen Zeitungen und Magazinen, Büchern, Fotografien und elektronischen Medien aufsaugt und herausfiltert, legt es darauf an, das Gesuchte und Gefundene in ein Moment des Kippens zu überführen. In der Verschränkung von Bildern und Texten in Sprechblasen, die bis zu diesem Augenblick ein Eigenleben führten, entstehen comicartige Szenen, bei denen einem das Schmunzeln schon vergehen kann. Dramatisches kollidiert mit Humorvollem, Persönliches mit Gesellschaftspolitischem, Schmerz und Freude liegen ebenso nah beisammen wie Menschliches und Tierisches. Hoor konstatiert die Schräglagen, die das Leben so mit sich bringt, ohne das geringste Mitleid. Er lässt den Dingen ihren Lauf und zeichnet trotzdem. Es ist, wie es ist, und manchmal schlimmer.

Nyberg-Chromy zeigt Linoldrucke.
Nyberg-Chromy zeigt Linoldrucke.

Geöffnet in der Artenne, Kirchgasse 6, in Nenzing, bis 11. Juni ,
Do, 17 bis 19 Uhr, So, 15 bis 19 Uhr, und bei Veranstaltungen oder nach Vereinbarung unter 0664 73574514.