Echte Kriege und täuschende Bilder

Kultur / 31.05.2015 • 20:18 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sturmangriff und Gebirgsstellung, aufgenommen von Beer (links und rechts), Flüchlinge und ein Hundezug (Mitte) von Bertolini.  Fotos: Archiv, Museum, VN  
Sturmangriff und Gebirgsstellung, aufgenommen von Beer (links und rechts), Flüchlinge und ein Hundezug (Mitte) von Bertolini. Fotos: Archiv, Museum, VN  

Mit der „Inszenierten Wirklichkeit“ wird der Erste Weltkrieg nun verstärkt zum Thema.

Christa Dietrich

Dornbirn. Hundert Jahre nach den Schüssen in Sarajevo am 28. Juni 1914, denen einen Monat später die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien folgte, wurden in Österreich zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema Erster Weltkrieg gestartet. In Vorarlberg ließ man sich vorerst Zeit. Nun, sozusagen hundert Jahre nach dem ersten Kriegsjahr oder nachdem sich die Euphorie verflüchtigt hatte und so mancher Patriot mit Grausamkeiten konfrontiert wurde, wurden auch hierzulande einige Projekte eröffnet oder angekündigt.

„Sakkarmint, die Narro schüssend jo uf d’Lüt“, heißt es etwa seit wenigen Tagen und bis 2. November im Egg Museum, das Dokumente zu den Bregenzerwälder Standschützen im Gebirgskrieg gegen Italien im Jahr 1915 zeigt. Nach der Sommerausstellung im Angelika-Kauffmann-Museum in Schwarzenberg, die der namensgebenden Malerin gewidmet ist, will man dort aufzeigen, wie es den Frauen bzw. Bäuerinnen im Bregenzerwald ergangen ist, nachdem Männer und Söhne in den Krieg gezogen waren und die Nachrichten aus der Fremde ganz und gar nicht dem entsprachen, was man sich beim Einrücken vorgestellt hatte.

Fotos vom Krieg

Im Stadtmuseum Dornbirn sind nun die Dokumente selbst ein Thema, und zwar nicht die Feldpostbriefe, sondern Fotos. „Inszenierte Wirklichkeit“ lautet der gut gewählte Titel. Auch wenn die damaligen Zensoren gar nicht die Möglichkeit hatten, alles auszusieben, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war (etwa Bilder von Opfern auf der eigenen Seite), bleibt dennoch offen, ob die Werke der jeweiligen Fotografen auch als Zeugnisse der Realität verstanden werden können.

Diese Fragestellung rücken Hanno Platzgummer (Stadtmuseum) und Werner Matt (Stadtarchiv) nun im gemeinsamen Projekt ins Zentrum, wenn sie aus dem großen Fundus von Franz Bertolini und Franz Beer (beides Dornbirner) schöpfen, um nicht nur mit Ereignissen während des Ersten Weltkrieges zu konfrontieren, sondern auch mit der grundsätzlichen Problematik des Sehens. Denn selbst wenn die fotografierten Szenen nicht gestellt wurden, so lieferten die Fotografen mit dem Bildausschnitt oder dem, was sie ablichteten und was sie wegließen, bereits einen Kommentar mit. Bertolini war Regimentsarzt und hatte als solcher auch die Möglichkeit genutzt, Verwundete, Gefangene oder die Zivilbevölkerung zu fotografieren. Beer ist im Jahr 1915 als Soldat eingerückt. Er war bekanntermaßen ein leidenschaftlicher Fotograf und hinterließ vor allem zahlreiche Aufnahme aus seiner Zeit als Standschütze in den Dolomiten.

Konkrete Stellungnahmen oder Dokumente, aus denen sich die Weltanschauung der beiden Fotografen, die politische oder eine grundsätzliche Einstellung zum Krieg ableiten lässt, klammert die Ausstellung aus. Das mag man vermissen. Andererseits fügt sie sich in ein Thema, das die Historiker zurzeit wieder besonders beschäftigt. So weiß man, dass selbst wertvolle Schilderungen von Zeitzeugen (etwa aus dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit) stark vom persönlichen Erleben geprägt sind und nicht nur die Wirklichkeit widergeben.

Auf den bildnerischen Bereich übertragen, wird dieser Aspekt in Dornbirn durch eine Installation von Studenten der Universität Liechtenstein auf den Punkt gebracht. Anhand einer groß aufgezogenen und damit unübersehbaren Aufnahme von der Einweihung eines Soldatenfriedhofs im Jahr 1916 kann der Betrachter bereits am Platz vor dem Museum feststellen, wie ein Bildausschnitt die Bildwirkung verändert.

Heroisch als Tendenz

Die Hängung der Bilder im Innenraum schärft den Blick für Details. So bringen Bertolinis Aufnahmen von italienischen Flüchtlingen, von Soldaten, die ihren Körper nach Läusen absuchen, oder von Verwundetentransporten eine Sicht ein, die in den Bildern von Beer, die eine heroische Stimmung kennzeichnen, nicht zu finden ist. Eine kleine Ausstellung fordert zum genauen Hinsehen auf und wird damit zum großen, wichtigen Projekt.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Dornbirn (Marktplatz 11) ist bis
27. September geöffnet, Di bis So, 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr.