Die Schatten der Konzilsfeiern

Kultur / 03.07.2015 • 22:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Verbrennung von Jan Hus in Konstanz. Illustration in der Richental-Chronik.  Foto: Nationalbibliothek Prag
Verbrennung von Jan Hus in Konstanz. Illustration in der Richental-Chronik. Foto: Nationalbibliothek Prag

Für die einen war er Ketzer, für die anderen Märtyrer und Reformator: Jan Hus wurde vor 600 Jahren verbrannt.

Konstanz, Prag. Sieben Bischöfe nahmen Jan Hus den Kelch ab, rissen ihm die Priestergewänder vom Leib und schnitten ihm ein Kreuz in die Tonsur. Dann setzten sie dem böhmischen Priester eine Schandkrone auf, sprachen Verfluchungen aus und sagten einer Überlieferung zufolge: „Wir überantworten deine Seele dem Teufel!“

Vor genau 600 Jahren, am 6. Juli 1414, wurde Hus in Konstanz auf den Scheiterhaufen geführt und hingerichtet. Im Rahmen der Ausstellungen und Feierlichkeiten zu 600 Jahre Konzil, die in Konstanz seit Frühjahr 2014 stattfinden, ist auch Jan Hus ein großes Thema.

Hundert Jahre vor Luther hatte Hus, um 1370 in Südböhmen geboren, gegen Ablasshandel, den Kauf von kirchlichen Ämtern und andere Übel der Kirche gekämpft. Doch was brachte ihn zu dem letztlich fatalen Entschluss, zum Kirchenkonzil in Konstanz zu reisen, das von 1414 bis 1418 die Papstfrage klären sollte? Glaubte er an den Geleitschutz, den ihm König Sigismund verbrieft hatte?

„Das darf eine Kirche nicht“

„Ich denke, dass Hus lange Zeit die Vorstellung hatte, dass er eine Chance bekommt zu diskutieren“, meint Joel Ruml, der in Prag an der Spitze der Böhmischen Brüderkirche steht. Für den Synodensenior war die Hinrichtung des Kirchenreformators vor 600 Jahren eine Ungerechtigkeit. „Das darf eine Kirche nicht: Es darf nicht geschehen, dass Menschen wegen anderer Ansichten hingerichtet werden“, sagt der Pfarrer im Hus-Haus im Stadtzentrum.

Die Bibel und der Kelch sind die Symbole der Brüderkirche, die sich auf Hus beruft. Denn im Herbst 1414 wurde in der Prager Martinskirche das Abendmahl erstmals wieder in beiderlei Gestalt gefeiert. Auch viele andere prominente Wirkstätten Hus‘ und seiner Nachfolger sind heute noch zu besichtigen: beispielsweise die rekonstruierte Betlehemskapelle, wo er vor Tausenden predigte, oder das „Karolinum“ der Karlsuniversität, an der er lehrte.

Rumls Brüderkirche ist dennoch vergleichsweise jung. Sie entstand im Jahr 1918 mit dem Zusammenschluss der lutherischen und reformierten Kirchen und hat noch gut 100.000 Mitglieder. Nach der jahrzehntelangen kirchenfeindlichen Politik im Sozialismus strahlt Ruml heute wieder Optimismus aus: „Sobald die Menschen hier merken, dass vonseiten der Kirche keine Manipulation oder Herrschsucht droht, sondern eine helfende Hand geboten wird, sind sie sehr positiv eingestellt gegenüber der christlichen Spiritualität.“ Auch in das Verhältnis zur katholischen Kirche ist in den letzten Jahren Bewegung gekommen.

„Der Fortschritt ist offensichtlich, aber es gibt konservative Kreise, die Hus weiterhin für einen Ketzer halten“, sagt Ruml. Im Jahr 1999 hatte der damalige Papst Johannes Paul II. sein „tiefes Bedauern“ über den grausamen Tod von Hus ausgedrückt und den Böhmen als Kirchenreformer gewürdigt.

Ein Nationalheld

In Tschechien ist Hus mehr als ein Reformator – er ist ein Nationalheld. Der 6. Juli ist seit 1925 ein gesetzlicher Feiertag. Hus und das Hussitentum seien seit dem 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Element der sich herausbildenden tschechischen Nationalidentität geworden, erklärt der Historiker Oldrich Tuma. Nationalisten hätten die Auseinandersetzung um Hus damals häufig in Form der Schablone „Tschechen gegen Deutsche“ gesehen.

Die Kommunisten, an der Macht von 1948 bis 1989, entdeckten den Prediger für sich als nationales Symbol und „ersten Revolutionär“. Ausgerechnet ein religiöser Hussitenchoral sei sogar zur Hymne der tschechoslowakischen Volksarmee geworden, berichtet Tuma. Heute zielten Historiker hingegen wieder stärker auf die moralischen und intellektuellen Aspekte von Hus‘ Schaffen ab, so der Leiter des tschechischen Instituts für Zeitgeschichte.

Nicht kleiner als Luther

Für Synodenchef Ruml bleibt Hus vor allem eine „glaubwürdige Persönlichkeit, die nichts vormacht“. Wie andere Reformatoren habe er versucht, die Kirche in einer Zeit der Missstände „zu einer Kirche für das Volk Christi“ zu machen. Diese Lehre gelte bis heute, sagt Ruml und betont: „Luther und Hus stehen für mich auf einer Ebene – nicht wie beim Lutherdenkmal in Worms mit einem großen Luther und Hus als kleinem Figürchen daneben.“ „Hier stehe ich und kann nicht anders“, sagte der eine, für den anderen hieß es hier brenne ich.

Im Rahmen der Veranstaltungen zum Konzil in Konstanz findet im Rosgartenmuseum bis 4. Oktober eine Ausstellung über den Alltag vor 600 Jahren statt.