Großen erzählerischen Bogen zart aufgespannt

31.07.2015 • 16:48 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Anna Baar erzählt vom Aufwachsen, von Beziehungen und sie entwirft eine komplexe Sprachbiografie.   Foto: APA
Anna Baar erzählt vom Aufwachsen, von Beziehungen und sie entwirft eine komplexe Sprachbiografie.  Foto: APA

„Die Farbe des Granatapfels“ könnte zu einer Trendfarbe des Herbstes werden.

Roman. Mit ihrem Auszug aus „Die Farbe des Granatapfels“ fand die Klagenfurterin Anna Baar heuer beim Wettlesen um den Bachmann-Preis zwar viele Anhänger, ging aber ohne Auszeichnung heim. Eine Fehlentscheidung der Jury. Ihr Buch ist soeben erschienen und  beeindruckt auf ganzer Linie. Kindheitserinnerungen vermischen sich auch hier mit der Aufarbeitung einer Vergangenheit, in der sprachliche Barrieren verteidigt statt überwunden werden.

Anna Baar, 1973 in Zagreb geboren, und in Wien, Kärnten und auf Brac aufgewachsen, fällt nicht mit der Tür ins Haus. Was da entsteht, ein aus der Erinnerung heraufbeschworenes, bilderreiches Panorama aus intensiven Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen, biedert sich nicht an, gibt sich spröde und abweisend. Erst wenn man sich vertraut gemacht hat mit dem Erzählrhythmus, der sein Thema mehr einkreist als vorantreibt, der keine Handlung im eigentlichen Sinn kennt, aber jederzeit und unvermutet Details Raum gibt, sich zu entfalten, dem öffnet sich der Reichtum dieser Prosa. „Die Farbe des Granatapfels“ ist vieles zugleich: ein Roman, in dem die Erzählerin das Aufwachsen eines Mädchens schildert, bei dem die fern der Eltern verbrachten Sommermonate eine zentrale Rolle spielen; eine Beziehungsgeschichte, denn die kleine Anuschka ist ihrer Großmutter Nada (Kroatisch für „Hoffnung“) in einer differenziert ausgeloteten Hassliebe verbunden; eine komplexe Sprachbiografie, in der der Konflikt zwischen der von der Großmutter als Feindessprache verachtete Vatersprache Deutsch und der vom Mädchen als fremd empfundenen kroatischen Muttersprache tiefe Spuren in der Heranwachsenden hinterlässt; ein Stück Zeitgeschichte. Das Besondere dieses Buches ist aber, dass es nicht mit langem epischen Atem prahlt, sondern seinen großen erzählerischen Bogen ganz zart aufspannt.

Anna Baar: „Die Farbe des Granatapfels“, Wallstein, 320 Seiten.