Ein Österreicher in der Schlacht von Bosworth

Kultur / 13.08.2015 • 18:28 Uhr / 13 Minuten Lesezeit
In seinem neuen Roman führt Christian Mähr von einem Wirtshaus in Dornbirn in die Zeit von und nach Richard III. Foto: VN/paulitsch
In seinem neuen Roman führt Christian Mähr von einem Wirtshaus in Dornbirn in die Zeit von und nach Richard III. Foto: VN/paulitsch

„Lumpi, du hörst auch nie richtig zu! Des war in der Schul schon so. Ich hab doch gsagt, um den Albert-Matthias geht’s gar net, ich hab nur in seinem Nachlass einen Hinweis gfunden auf den Tod vom Ferdinand-Erasmus, des is a Vorfahr aus der Linie Seitenstetten-Markhartsburg . . . wurscht jetzt. Jedenfalls steht da, der Ferdinand is am Englischen Schweiß gstorben.“

Er schwieg, als ob mit dieser Äußerung alles erklärt sei. Matthäus kannte diese Eigenheit seines Schulkameraden. „Am was?“, fragte er. „An englischem Schweiß?“ „Na, net an englischem Schweiß, des wär ja aus England importierter Schweiß, wieso soll das jemand machen, a Trottelei – sondern am Englischen Schweiß – a Krankheit, verstehst? Die heißt so, weil die Kranken wahnsinnig schwitzen.“ „Wieso dann englisch?“ „Weil’s dort das erste Mal ausbrochen is. Vierzehnfünfundachtzig. Nach der Schlacht bei Bosworth.“ „Ach die!“, rief Matthäus, „die Schlacht von Bosworth, genau . . .“ „Du hast keinen Schimmer, stimmt’s?“ „Ehrlich gesagt ist mir Bosworth jetzt nicht so präsent, geschweige denn eine Schlacht von dort . . .“ „Aber Richard III. kennst? Shakespeare? Den Buckligen, den Hundsfott?“ Er sprang auf, stellte durch theatermäßige Verkrümmung einen Buckel dar und deklamierte: „Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter/ Kann kürzen diese fein beredten Tage,/ Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden/ Und feind den eitlen Freuden dieser Tage.“ „Schon gut, dieser Richard. Aber der wird doch am Ende umgebracht . . . Der ist in Wirklichkeit an der Schwitzkrankheit gestorben?“

„Na, du Depp! Gefallen is der in der Schlacht von Bosworth! Erst nach der Schlacht ist die Seuche ausgebrochen. Im Lager von Heinrich Tudor . . .“ „Äh . . . ?“ „Der die Schlacht gewonnen hat, Herrschaftseiten! Denk halt a bissl mit! – Des war der spätere Heinrich VII., Begründer des Hauses Tudor, der Nachfolger war dann Heinrich VIII., den kennst sicher, der mit die vielen Ehefrauen . . .“ „Ja, schon gut!“, unterbrach ihn Matthäus, der sich schon in der Schule nie für politische Geschichte interessiert hatte und das immer noch nicht tat. „Englische Geschichte, schön, aber was hat das mit der Schwitzkrankheit und deinem Vorfahren Ferdinand-Erasmus zu tun, Erasmus?“ „Schwitzkrankheit? Ach so, ein Scherzerl! Sehr lustig. – Sie heißt Schweißkrankheit und war überhaupt nicht lustig, weil die Leut dran gstorben sind wie die Fliegen, schneller wie an der Pest.“ „Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen. Dein Vorfahr ist auch daran gestorben? Er hat mitgekämpft bei dieser Schlacht? Erstaunlich als Österreicher . . .“ Erasmus von Seitenstetten seufzte. Er nahm einen Schluck Cognac und begann, die Sache mit der Englischen Schweißkrankheit zu erklären. Die war nach 1485 noch 1507, 1517 und 1528 ausgebrochen, bei diesem vierten Ausbruch trat die Seuche aufs Festland über und verheerte die Niederlande, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Dänemark, Schweden und Norwegen, Litauen, Polen und Russland. Frankreich und Südeuropa blieben verschont. Innerhalb weniger Wochen starben Tausende Menschen, die Mortalität schwankte stark, betrug in manchen Orten, zum Beispiel in Dortmund, hundert Prozent. Allerdings verschwand die Krankheit überall nach zwei Wochen. Unheimlich waren die Symptome: Die Krankheit begann mit schwerem Angstgefühl, Gliederschmerzen und Schüttelfrost.

Spätestens nach drei Stunden begannen die absurden Schweißausbrüche, Hitzegefühl, Durst und schwerer Kopfschmerz. Die Kranken schwitzten so stark, dass nicht nur das Bettzeug durchnässt wurde, sondern sogar der Fußboden mit stinkenden Schweißlachen bedeckt war. Die Kranken sanken ins Delirium und starben, manchmal schon nach vier Stunden. Wer vierundzwanzig Stunden überlebte, hatte gute Chancen, davonzukommen. Kinder und alte Leute wurden kaum krank, nur die Menschen im besten Alter – und unter denen wieder eher die Wohlhabenden. Die Seuche verbreitete sich so schnell (in einem „Hui“, wie es in einer Quelle heißt) durch das ganze nördliche Europa; es hieß, wenn man die Leute reden hörte, der Englische Schweiß sei irgendwo anders ausgebrochen, dann war er auch schon da! „Also schön“, unterbrach Matthäus die Schilderung, die Erasmus von Seitenstetten in immer größere Begeisterung zu versetzen schien, „das war eine furchtbare Sache, das verstehe ich – was war denn die Ursache?“ „Weiß kein Mensch.“ „Bitte . . . ?“ „Na, das weiß niemand. Das is eines der großen Rätsel der Medizingeschichte. Der Englische Schweiß ist dann noch amal ausbrochen, fünfzehneinundfünfzig – und dann war Schluss! Aus, basta!“ In Matthäus’ Kopf begann sich eine Idee zu formieren. „Du willst also deinen Vorfahren ausgraben, diesen Erasmus-Ferdinand …“ „Ferdinand-Erasmus.“ „Ist doch egal jetzt! Du gräbst ihn aus und entnimmst DNA-Proben, oder? Um die Natur der Seuche aufzuklären.“ „Na ja, so is der Plan.“ Matthäus nahm einen Schluck. Wenn er das berufliche Umfeld des Schulfreundes nicht so konsequent ausgeblendet hätte, hätte er den Schluss schon früher ziehen können. Aber eben, das tat er in solchen Fällen, nämlich, wenn ihm bestimmte Leute aus der Schule begegneten. Das Umfeld ausblenden. Also verdrängen, was sie jetzt waren, was sie taten, welche Posten sie innehatten. Zum Beispiel einen Lehrstuhl für die Geschichte der Heilkunde an der Universität Wien – oder war Seitenstetten erst Dozent? Das hatte Matthäus erfolgreich verdrängt. Jedenfalls – und das hatte er nicht verdrängen können – gehörte dazu eine halbmeterlange Liste von Veröffentlichungen in anerkannten Journalen … und so weiter und so fort. Wenn man das nun verglich mit der Karriere eines Gastwirts in einem Provinzgasthaus, von Wien so weit entfernt, wie es geographisch überhaupt möglich war – dann war die Verwendung des Wortes Karriere eine hinterfotzige Beleidigung. Nicht, dass einer seiner Schulkameraden sich je so geäußert hätte. Ihm gegenüber nicht.

Aber untereinander „ . . . schad, dass aus dem Matthäus nix Besseres geworden ist . . .“ In dieser Art eben. Dozent (oder Professor oder weiß der Geier, was) Erasmus von Seitenstetten schwieg, gönnte Matthäus eine Erholung. Aber der sagte nichts, nippte nur ab und zu an seinem Cognac und starrte auf die Inneneinrichtung des Raumes. Täfer. Achtzig Prozent der Innenflächen waren mit Holz verkleidet. Alles eigentlich bis auf die Fenster. Matthäus blickte sich um. Er versuchte, den Raum mit den Augen Seitenstettens zu sehen. Alles schäbig. Verwahrlost. „Du fragst dich sicher, wieso ich ausgrechnet dich frag wegen der Sach. Das is ganz einfach: I kann niemand traun!“ „Sag mir eins und gib eine ehrliche Antwort: Kommt dir mein Interieur schäbig vor?“ „Dein . . . was?“ „Meine Möbel, das Täfer, die . . . die ganze Einrichtung.“ „Deine . . . Möbel . . . Du . . . sag amol, spinnst jetzt komplett, wie kommst’n auf so a Idee? Moment: Hast du leicht zum Saufen angfangt? A geh, Lumpi! Tu mir des net an! An Alkoholiker mit am Moralischen – des kann i net brauchen, bitte, bitte, net jetzt!“ „Nein, ich trinke nicht mehr, als mir guttut, glaube mir! Es ist nur . . . wenn ich unser beider Leben vergleiche: Du in einer anerkannten Stellung als Universitätsprofessor . . . dagegen ich . . .“ „Ah, do weht der Wind her! Anerkannte Stellung – in Österreich. Du bist a Christkind, Lumpi, waaßt des? Die Stellung, den Titel kann i mir in die Hoar schmiern . . . Finanziell is die österreichische Universität am Oarsch . . .“ „Nein, das mein ich nicht. Ich denk an deine persönliche . . . wie soll ich sagen . . . Reputation . . . Du musst doch andere Hilfskräfte haben als mich!“ „Naa, hob i net . . .“ „Assistenten?“ Seitenstetten lachte auf. „Jo, klar, Assistenten! Wie viel brauch ma denn zum Abkommandiern? A Dutzend fürs Erste? – I bin doch net die NASA! Was glaubst denn, was des für a Institut is? Mir ham zwei Zimmerln am End vom Gang, im einen hock i, im andern der Laska, der Pestfetzen, der zwidere, der mir alles zu Fleiß tut, wo’s nur geht . . .“ „Der ist dein Assistent?“ „Jawohl. Und politisch vernetzt wia sonst was! A Ehrgeizling, a falscher Hund. Wann i den mitnimm, klaut er mir die Ergebnisse – i weiß no net, wie, aber auf das lauft’s hinaus. Alles scho erlebt . . .“ „Also schön. Das Arbeitsklima in eurem schnuckeligen Institut lässt zu wünschen übrig. Studenten?“ „Studentinnen! Neunzig Prozent. Von die vierzehn Kaschperln in der Vorlesung . . . Versteh mi richtig, die san scho in Ordnung, aber ungeeignet fürs Praktische. Die wissen alle net, wo bei aner Schaufel vorn und hintn is!“ In Matthäus’ Kopf begann sich die Sachlage zu klären. Erasmus von Seitenstetten war offenbar doch auf ihn, den Kameraden aus Gymnasialtagen, angewiesen. Die Andeutungen über das Klima in Seitenstettens Uni-Institut hatte er aufgesaugt wie ein Schwamm. Diese Worte taten gut, eine Wärme, die nicht vom Cognac stammte, begann sich in ihm auszubreiten. Denn nichts ist tröstlicher als die Erkenntnis, dass Zeitgenossen, die man für uneinholbar überlegen hielt, das nicht sind. Er schenkte Erasmus von Seitenstetten, dem Schulfreund aus verarmtem Adel, Inhaber eines marginalisierten Orchideenfachlehrstuhls, Cognac nach. Der Ärmste konnte es brauchen. Den Cognac und die Hilfe des Schulkameraden. Matthäus war geneigt, diese Hilfe zu gewähren – ach was, geneigt: Er brannte darauf! „Also schön“, sagte er, „ich helfe dir, aber unter der Bedingung, dass ich drei Freunde von mir anheuern darf.“ „Wenn’s dich freut! Je mehr wir sind, desto schneller geht’s Ausgraben . . .“ „Wieso eigentlich ausgraben? Er liegt doch in einer Gruft?“ „Ich weiß doch net, in was für an Zuaschtand die is . . .“ „Du warst noch gar nicht dort?“ „Dort schon, aber net drin . . .“ Er nahm einen tiefen Schluck. „Es war zuagschperrt. Und allein . . .“ „Ach so, also erst Zugang verschaffen. Da brauchen wir Leute, die sich handwerklich auskennen! Innen müssen wir dann graben, vielleicht eine Grabplatte heben, dazu braucht man einen Flaschenzug, ein Stützgestell, was weiß denn ich. Ich weiß nicht einmal, wo man so was herkriegt. Aber Lothar Moosmann weiß es . . .“ „Des is a Professionist?“ „Sozusagen. Holzschnitzer.

Madonnen, Krippenfiguren, solche Sachen.“ „So, so . . . Schnitzer . . .“ In Seiten­stettens Gesicht blühte der Zweifel. „Und die andern?“ „Franz-Josef Moosmann. Pensionierter Buchhalter, entspricht aber nicht dem Klischee.“ „Aha. Und wieso net?“ „Erstens ist er einen Meter neunzig, bärenstark, und zweitens hat er einen schönen Bariton und erfreut uns oft mit Arien, vor allem aus dem deutschen romantischen Fach.“ Das mit dem Erfreuen war ein wenig überzogen, aber Matthäus hielt ein bisschen Propaganda für gerechtfertigt. Für die gute Sache. Und das war eine gute Sache, kein Zweifel! Das letzte Mal hatten sie gemeinsam eine schlechte Sache verhindert und die Menschheit vor großem Leid bewahrt (die Menschheit wusste nichts davon, das war auch besser so); aber etwas Gutes war nicht daran gewesen. Gut im Sinne von: Erkenntnisgewinn, Fortschritt des Menschengeschlechtes, ein Schritt auf dem Wege zu lichten Höhen – in dem Sinn. Er schlug Seitenstetten vor, sich am Abend mit den dreien zu treffen. Erasmus machte keinen Hehl aus seiner mangelnden Begeisterung, sagte aber zu. Als er gegangen war, rief Matthäus seine Freunde an. Alle sagten dem Treffen zu.

Aber Richard III. kennst? Shakespeare? Den Buckligen, den Hundsfott?

Zur Person

Christian Mähr

Geboren: 1952 in Nofels

Werdegang: Doktor der Chemie, Schriftsteller

Bücher: „Simon fliegt“, „Semmlers Deal“, „Alles Fleisch ist Gras“, „Karlitos Reich“, „Das unsagbar Gute“, „Tod auf der Tageskarte“, „Knochen kochen“

Bühnenstücke: „Spengler oder Stiefel muss sterben“

Wohnort: Dornbirn

Aus: Christian Mähr: „Knochen kochen“. © Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags