Als man erstmals das Licht einer Glühbirne sah

Kultur / 28.08.2015 • 18:25 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Die Wallfahrtskirche in Rankweil ist einer der Schauplätze im neuen Roman von Jürgen Thomas Ernst. Foto: VN/Fink
Die Wallfahrtskirche in Rankweil ist einer der Schauplätze im neuen Roman von Jürgen Thomas Ernst. Foto: VN/Fink

Ohne einen Bissen von den mitgenommenen Äpfeln oder einen Schluck aus der holundersaftgefüllten Flasche getan zu haben, erreichten sie mit der beginnenden Nacht schließlich den Bahnhof und den Ort mit der Wallfahrtskirche. Auf dem Bahnsteig tobte ihnen ein warmer Föhnwind entgegen, der ihre Kleider zum Flattern brachte, das Laub aufwirbelte und den Geruch von Herbst mit sich trug. Langsam ging Sofie mit ihrem Kind am Bahnhof vorbei und folgte der Straße, die in nördlicher Richtung durch den Ort führte. Auf der anderen Seite bemerkte sie im verblassenden Schein einer Gaslaterne eine Frau, die ihnen nachblickte. Später war sie überzeugt, dass es Basils Mutter gewesen sein musste.

In einigen Kastaniengärten saßen noch Gäste an den Tischen, beschienen vom wankenden Licht der Lampions, die in den Baumkronen hingen und pendelnde Schatten und verzerrte Bilder von Ästen und zitterndem Laub auf den Boden warfen. Und verebbte das Gegröle in einem Garten, so näherten sich die beiden schon dem nächsten. Die Menschen feierten die letzten Tage unter den belaubten Bäumen, bevor der Herbst die welken Blätter von den Kronen pflücken und die Kälte des Winters die Bewohner des Tales wieder in die Nähe der Stubenöfen zwingen würde.

Weiter vorne erblickten sie vor dem Gasthaus „Zum Elefanten“ eine Traube Menschen, die ungläubig eine Wand anstarrte oder vielmehr das, was sich an dieser Wand zwischen zwei Fenstern befand. Denn auf halber Höhe befand sich etwas, das viel heller war als das kanariengelbe und grüne Flimmern der Gaslaternen, die jeden Abend angezündet wurden. Es war in dieser Nacht, als ihre staunenden Augen zum ersten Mal das grelle Licht einer Glühbirne sahen. Ein Elektrizitätskünstler hatte sie an der Wand angebracht und zwischen dem Gasthaus und dem nächsten Fluss, der nur einige Steinwürfe entfernt war, an mehreren langen Holzstangen ein durchhängendes Kupferkabel befestigt, das zu einem wasserbetriebenen Kraftwerk führte und die Glühbirne mit Strom versorgte. Gewiss, der Zauber der neuen Beleuchtung wies noch etliche Mängel auf. Meist hielt das Licht nur wenige Tage, manchmal sogar nur einige Stunden, und ließ die Helligkeit wie eine Sternschnuppe mit einem Zischen verglühen und alles wieder in die gewohnte Dunkelheit zurückfallen. Aber bald besaß jedes Gasthaus solche Birnen, und wer vermögend war, erhellte sogar sein Haus damit. Und es dauerte nicht lange, bis es nachts in den Kirchen und Gemeindeämtern beinahe so hell war wie am Tag. Manche Orte des Tales leisteten sich nach einiger Zeit sogar den Luxus, ganze Straßenzüge zu beleuchten. Und wenn man nachts auf dem Gipfel eines Berges stand oder auf einem Turm, hätte man glauben können, dass sich tief unten ein leuchtender, flimmernder Wurm befände.

Nur kurz verharrte Sofie mit ihrem Kind bei den staunenden Menschen, dann zogen sie weiter, ließen die polternden Bohlen der Holzbrücke hinter sich und erreichten wenig später das Haus, das sich weit draußen, am Rand des Ortes befand. Sofie drehte den Schlüssel zweimal im Schloss um und öffnete die Tür. Ein staubiger Atem abgestandener Luft wehte ihnen entgegen. Kurz nachdem sie mit einer flackernden Kerze die Kammer in ein blasses Licht getaucht hatte, fand Annemie auf der Fensterbank in einem weichen Meer aus Staub ein halbes Dutzend Marienkäfer, die an einem Frühlingstag verzweifelt und umsonst den Weg ins Freie gesucht hatten und schon seit Langem tot auf ihrem Rücken lagen. All die Ereignisse dieses Tages waren Annemie nun auf einmal zu viel und mit den toten Käfern, die sich mit ausgestreckten Beinchen in ihrer kleinen Hand befanden, setzte sie sich auf den Fußboden und begann entsetzlich zu weinen.

Sie schliefen unruhig in der folgenden Nacht. Verborgen unter einer Decke aus knirschendem Bettlaub, das staubig roch, lagen sie dicht beisammen und suchten einander manchmal mit tastenden Fingerspitzen, bewegten sich oft im Schlaf und erwachten in der Dämmerung des nächsten Morgens mehr zerschlagen als ausgeruht.

Der Tag, der Südwind brachte und warm war wie im Sommer, trieb den Herbst mit Tausenden abgefallenen Blättern vor sich her und sah die beiden am späten Vormittag auf der Überlandstraße nordwärts ziehen und auf einen schmalen Weg abbiegen, der nach Osten bergwärts lief und sich weiß in das waldige Hinterland verlor. Immer wieder traten sie aus dem Schatten der Wälder und durchquerten Land, das ihnen Wiesen zeigte, die von träge aufblickenden Kühen abgeweidet wurden. Später, als Annemie der Marsch schon längst zu weit und beschwerlich geworden war, hing sie am gebeugten Rücken ihrer Mutter und hielt sich mit klammernden Händen an ihrem Hals fest. Mehrere Male folgte der Weg dem Lauf eines Baches, der gelegentlich über Felskanten sprang und tief unten auf flache Steine platschte, um danach ruhig weiterzufließen.

Über drei Hügel lief die Route, überwand Kuppen, querte Rinnsale, zog vorbei an feuchten Schluchten und bemoosten Steinen, und jedes Mal atmete Sofie erleichtert auf, wenn sie den höchsten Punkt einer weiteren Geländewelle erreicht hatte und sich während des Abwärtsgehens für den nächsten Anstieg etwas erholen konnte. Nachdem sie lange durch raschelndes Weglaub gegangen war, trat sie schließlich aus dem gesprenkelten Schatten eines Buchenwaldes und stapfte durch eine abgemähte Streuwiese, auf der im Sommer nur raues Gras wuchs, das nun trocken in den Scheunen lag. Aus dem welken Braun der Wiese leuchtete über die ganze Halde das Lila der Herbstzeitlosen, und Annemie, die auf dem Rücken ihrer Mutter hin und her wankte, musste auf einmal an Basils Tante denken, die manchmal kandierte Veilchenblüten in einer Konditorei gekauft hatte, und fragte sich, ob diese Blüten, die unter ihren Blicken davonschwammen, wohl auch so gut schmeckten wie jene in der großen Stadt.

Auf einem steilen Hügel erkannten sie schließlich die ersten Häuser jenes Dorfes, das weitum für seine vielen Kirschbäume bekannt war, aber auch dafür, zahllose verwaiste und uneheliche Kinder aufzunehmen, die weit entfernt von etwaigem Gerede und hässlichen Gerüchten großgezogen wurden. Die Häuser des Dorfes standen wie hingestreut am südlichen Hang und zugleich in beruhigendem Abstand voneinander entfernt. Neben der Kirche befand sich ein Gasthaus, das den Namen „Zur Hoffnung“ trug und oft der ersehnte Ort für diejenigen war, die noch tiefer im Tal, hinter den nächsten Geröllfeldern wohnten und manchmal ihre Einöden verließen, um ihren Hunger nach Geselligkeit zu stillen. Das Gasthaus galt aber auch für jene als lohnendes Ziel, die den langen, beschwerlichen Weg aus dem Tal hinter sich gebracht hatten oder die sich an nebligen Herbsttagen nach dem Licht der Sonne sehnten, das man unten im Tal oft wochenlang vermisste.

Bald schon entdeckte Sofie das Haus und über dem Türstock die blau emaillierte Tafel, die mit der weiß aufgemalten Zahl Siebenundsiebzig von dort herabblickte. Vor dem Anwesen, das von einer hüfthohen Hecke aus Buchs umgeben war, erwartete sie schon ein Mann, der auf einer Bank saß und wissend nickte. Annemie, der vom ungemütlichen Schaukeln auf dem Rücken ihrer Mutter und vom langen Gehen die Beine schmerzten, entdeckte wenig später im Gang des Hauses einen roten Läufer aus Bast und darauf eine kurze, unruhige Zeile aus Schuhen, großen und kleinen, derben Lederschuhen und einfachen ausgetretenen Holzpantoffeln. Dann beobachtete sie, wie ihre Mutter die Stiefel auszog, der Reihe hinzufügte, danach ihre kleinen, braunen Lederstiefel aufschnürte und ebenfalls dazustellte.

In der Stube setzte sie der Mann auf ein Sofa. Drüben, an einem Tisch, sah sie einen Jungen, der seine Neugier zu verbergen suchte und ein Butterbrot aß. Ob das kleine Mädchen auch so ein Brot wolle, fragte sie eine Frau, die ihre weißgrauen Haare mit einer silberglänzenden Nadel zu einem Knoten zusammengesteckt hatte. Aber Annemie schüttelte nur den Kopf und fragte sich, weshalb ihre Mutter so viele Dinge mit diesen Menschen besprechen musste, und hörte die alte Frau sagen: „Das sind jetzt vermutlich die letzten beiden Pfleglinge, die wir großziehen“, und verstand nichts von dem, was sie sagte, und dachte, wann sie wohl wieder nach Hause gehen würden, da draußen der Tag mit seiner tief stehenden Sonne schon allmählich zu verblassen begann. Kaum hatte sie diesen Gedanken beendet, erhob sich ihre Mutter, küsste sie auf die Stirn und entschuldigte sich mit einem dringenden Gang hinaus auf die Toilette. Annemie blickte ihr hinterher, sah sie an der Tür winken und winkte zurück, als sie eine Kinderstimme den Namen Jonathan sagen hörte. Und da stand der Junge auf einmal vor dem Sofa und legte ihr eine Schlange aus Holz in die Hände, die er vor Wochen unten im Bett des Baches aus einer Kiesbank gezogen hatte und die ganz grau war von der Sonne und glatt poliert vom Sand, der darüber hinweggeschliffen war. Annemie strich die Kurven der hölzernen Schlange entlang, die am Ende in einem stumpfen Schwanz auslief, den Jonathan mit einem Taschenmesser zugespitzt hatte und der viel heller war als der Rest. Sie sah das geöffnete Maul und die schwarzen Augen, die mit einem Stück Kohle aufgemalt worden waren, als Jonathan die Schlange wieder an sich nahm, zurück auf die Holzbank kletterte und weiter von seinem Butterbrot aß, aus dem er schon mehrere Halbmonde heraus- gebissen hatte. Und dann bemerkte Annemie vorne an der Zehe plötzlich ein Loch im Strumpf und versteckte es mit der Ferse des anderen Fußes und wollte schon fragen, wo die Mutter so lange bleibe. Aber sie schwieg, schwieg so lange, bis die Sehnsucht nach ihr so groß wurde, dass sie schon Tränen aufsteigen spürte, rutschte vom Sofa und ging zur Tür, die hinaus in den Gang und zur unruhigen Zeile der Schuhe führte. Und als sie auf dem kalten Holzboden neben dem roten Läufer stand, fiel ihr eines sofort auf. In der Zeile fehlte etwas, fehlten die zwei schwarzen Stiefel ihrer Mutter.

Kein Zureden, kein Griff an ihrer schmalen Schulter, nicht einmal die ruhige Stimme der Ziehmutter halfen. Annemie wand sich aus ihren Händen, stahl sich davon und stolperte, entsetzt vor Angst, hinaus in die Dunkelheit, hin zum kalkweißen Toilettenhäuschen, neben dem ein Miststock dampfte und der schwarze Umriss eines Holunderstrauches zu erkennen war. Sie riss die ächzende Tür auf, hinter der sie ihre Mutter erhoffte, und wurde noch im selben Augenblick durch das Nichts, das ihr entgegenstarrte, von einem nie gekannten Entsetzen gepackt. Sie rannte den Kirschbaumhain hinab, weiter in den Buchenwald, auf jenem Pfad, auf dem ihre Mutter sie erst vor Kurzem hochgetragen hatte, stolperte und schrie immer wieder nach ihr. Aber sooft sie auch rief und ihre Stimme verzerrt von den Felswänden zurückklingen hörte, ihre Mutter antwortete nicht. Sie rannte weiter und merkte nicht, dass sie nur mit Strümpfen über die spitzen, weißen Steine lief, und schrie, bis ihre kindliche Stimme heiser krächzte und in Tränen ertrank. Auf einer feuchten Wiese, umgeben von Herbstzeitlosen, setzte sie sich dann auf den Boden, schluchzte und scharrte die schmutzigen Strümpfe löchrig, schabte sich die Fußsohlen wund, bis die derbe Hand des Ziehvaters ihre Schulter berührte, er sie hochnahm und zurück zum Haus trug, während er mit seinen großen Händen über ihren Kopf strich und einen Schmerz zu lindern versuchte, der schwer zu lindern war. Leise und beruhigend versicherte er, dass alles bestimmt wieder gut werde, und drückte ihr Köpfchen, das ganz heiß war von der Aufregung, gegen seine Brust und folgte dem Pfad, der bergwärts führte.

Sie rannte den Kirschbaumhain hinab, weiter in den Buchenwald, stolperte und schrie.

Zur Person

Jürgen-Thomas Ernst

Geboren: 1966 in Lustenau

Beruf: Schriftsteller, Förster

Publikationen: „Anima“, Roman, Braumüller; „ Levada“, Erzählung, Verlag Limbus, „Vor hundert Jahren und einem Sommer“, Verlag Braumüller

Auszeichnungen: u. a. Max von der Grün Preis für „Nachtschicht“ (Theaterstück), Theodor Körner Preis für „Karoline Redler“ (Theaterstück), Sir Walter Scott Preis für „Anima“, Preis bei der Floriana

Jürgen Thomas Ernst: „Vor hundert Jahren und einem Sommer“, Verlag Braumüller, 480 Seiten, Abdruck mit Genehmigung des Verlages.