Die Wahrnehmung der Erfahrung

Kultur / 24.09.2015 • 22:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jürgen Partenheimer mit der Installation „La caida del humo“ bei Häusler Contemporary in Lustenau. Foto: Stiplovsek
Jürgen Partenheimer mit der Installation „La caida del humo“ bei Häusler Contemporary in Lustenau. Foto: Stiplovsek

Er ist bildender Künstler und Philosoph und nun im Land präsent: Jürgen Partenheimer.

Christa Dietrich

Lustenau. Zum Millennium im Chinesischen Nationalmuseum in Peking auszustellen, bedurfte einiger Vorarbeiten und Behördengänge. Im Gespräch mit den VN berichtet der bekannte deutsche Künstler Jürgen Partenheimer (geboren 1947 in München) davon, wie die damalige Verantwortliche für Ausstellungen von Künstlern aus dem Ausland fast einer Prozession gleich mit Assistentinnen den Besprechungsraum betrat, in dem er und der Museumsdirektor saßen. Seine bislang erschienenen Kataloge wurden kommentarlos durchgeblättert, um ihm dann zu bekunden, dass abstrakte Kunst schlecht für das Volk sei. Als es den Menschen dann doch gewährt wurde, mit seinen Arbeiten in den Dialog zu treten und die Retrospektive also zustande kam, die in den Medien auf enorme Resonanz stieß, verriet ihm die zuvor so ablehnend reagierende Entscheidungsträgerin, dass sie abstrakte Kunst liebe.

Ohne erörtern zu wollen, warum sie den chinesischen Museumsbesuchern ursprünglich vorenthalten werden sollte, ist der Vorfall doch weit mehr als eine Anekdote. Die individuelle Erfahrung, die dem Werk Partenheimers voransteht, ist oder war in verschiedenen Ländern nicht unbedingt erwünscht und ist in Mitteleuropa vielleicht schon etwas so Selbstverständliches, dass es tut gut, den Wert der Wahrnehmung als Erfahrung eigens zu betonen: „Die Zeichnung zeigt nicht das Gesehene, sondern enthüllt das, was Geist ist, Bewegung, Spur und Energie. So entdeckt die Zeichnung nicht die geschaute Welt, sondern die Wahrnehmung der Erfahrung als Bild“, ließ der Künstler an eine Wand im Haus 2226 im Millennium Park in Lustenau schreiben.

Dort, im Bau von Dietmar Eberle, der auch gerade am Tag vor der Eröffnung der neuen Ausstellung der Galerie Häusler Contemporary wieder ein Ziel von zwei Reisebussen mit Architektur- und Kunstinteressierten war, zeigt Jürgen Partenheimer nicht nur einen Überblick über jüngste Arbeiten, die Veränderung des Ortes sollte spürbar werden. Und sie wird es. Partenheimer, der nicht zufällig vor Jahren einmal als Referent beim Philosophicum in Lech zu Gast war, beschäftigt sich grundsätzlich mit Raumwirkung, mit Wahrnehmung und dem Ineinandergreifen der Kunstbereiche.

Inspirierend

Dass er Lyriker zu Texten inspirierte oder dass Musik für den bildenden Künstler eine Rolle spielt, ist für ihn gleichbedeutend mit der Tatsache, dass er Betrachter grundsätzlich sensibilisiert. So wie er vom Umraum des nach Plänen von Álvaro Siza errichteten Museums für zeitgenössische Kunst in Santiago de Compostela erzählt, wird bewusst, wie er die Wirkung von Räumen und Zwischenräumen in einer Reihe von Zeichnungen festhält (die gleichsam ein abstraktes Alphabet darstellen könnten) und die Betrachter darauf hinführt, dass Grau beispielsweise ein ganzes Spektrum an Farben enthält. Für kleinere Arbeiten und Kataloge ließ ihm Dietmar Eberle eigens eine Bank zimmern, auf der dieselben einmal nicht wie auf einem Podest aufliegen, sondern als in den Alltag integriert.

Näher treten kann man Partenheimer freilich über die bekannte Skulptur „Weltachse“ als Verbindung von Himmel und Erde, von der eine Variante in Peking errichtet wurde und deren transportierbarer Teil quasi die Welt bereiste (und weitere Assoziationen hervorruft). Die stärkste Erzählkraft liegt aber in „La caida del humo“, einer Installation aus Hanffäden und Bienenwachsstäben, die nur aufgrund des Eigengewichtes an bestimmten Stellen des Fadens hängen bleiben und ihre Position in der Schwebe zwischen vertikal und horizontal je nach Länge ausrichten. Dass die Fäden am Boden Linien zeichnen, die mit den Bildern an der Wand korrespondieren, ist das eine, und die veränderte Raumwahrnehmung ist das andere Faszinierende an dieser Arbeit des großen Vertreters der Abstraktion.

Eine Arbeit ist selbst das Gesamtbild, bestehend aus Zeichnung, Malerei, Skulptur und Sprache.

Jürgen Partenheimer

Zur Person

Jürgen Partenheimer

Geboren: 1947 in München

Ausstellungen: in zahlreichen Kunsthallen und Museen in aller Welt, zuletzt u. a. in Den Haag und Hamburg

Auszeichnungen: Bundesverdienstkreuz erster Klasse

Publikationen: u. a. „Jürgen Partenheimer. Das Archiv“, Distanz Verlag

Eröffnung am 25. September,
19 Uhr, geöffnet bis Februar 2016,
Mo bis Fr, 8.30 bis 17.30 Uhr:
Häusler Contemporary Lustenau Millennium Park, Haus 2226.