Die Zeit hängt an einem Faden

Kultur / 24.09.2015 • 22:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Peter Wehinger fordert Auseinandersetzung. Foto: AG
Peter Wehinger fordert Auseinandersetzung. Foto: AG

Im milK_ressort konfrontiert der Dornbirner Peter Wehinger mit der Vergänglichkeit.

GÖFIS. Haben Sie die nächsten 40 Jahre schon etwas vor? Genau so lange wird es nämlich dauern, bis die 18.000 Meter Faden von Peter Wehingers „Schnurabwickelmaschine“ abgewickelt worden sind. Die Installation „Till the end“ ist nur eine Arbeit in der aktuellen Ausstellung des Dornbirner Künstlers im milK-ressort, die mit der Vergänglichkeit konfrontiert.

Motivationssprüche

Langsam, fast unmerklich drehen sich das Zahnrad und die zwei kleinen Walzen der minimalistisch anmutenden, selbst konstruierten Maschine und lassen den abgewickelten Baumwollfaden auf dem Boden zu einem Häuflein anwachsen. Dass sich das Rad der Zeit ebenso langsam, aber stetig dreht, das Leben im Zuschauen verstreicht, führt uns Peter Wehinger mit „Till the end“ ebenso spielerisch-ironisch wie drastisch, gewichtig und leicht vor Augen. Wer überdauert wen in diesem kleinen Wettstreit von Mensch und Maschine, Ruhe und Bewegung, Andauern und Ende? Vor Kurzem wieder von Wien nach Vorarlberg gezogen, in ein 270 Jahre altes Haus, ist die Endlichkeit das große Thema, an dem sich Peter Wehinger in seinem Werk abarbeitet, das von bildhauerischem Denken in den Installationen und zeichnerischer Qualität auf dem Papier getragen ist. Die Auseinandersetzung mit dem Altern bestimmte schon die Reihe „pin-up“, für die der Künstler reifere Männer, Herren nach den besten Jahren, die auf einschlägigen Seiten im Internet nackt posieren, als Studienobjekte gewählt hat. In der aktuellen Schau „Die Stunde stürzt“ stellt er ebenfalls gesetzteren Männern, gerne mit Bierbauch und Glatze, in abwägenden Posen, aber diesmal angezogen, als quasi größtmöglichen Kontrast Motivationssprüche wie „Your only limit is you“, die zu mehr Leistung antreiben sollen, ebenfalls aus dem Internet gesammelt, gegenüber.

Porträts aus der Zeitung

Neben einem Selbstporträt aus Nivea-Creme zeigt er zudem eine dokumentarische Arbeit, für die er Porträts und Sprüche aus den Todesanzeigen einer Tageszeitung gesammelt und abgezeichnet hat. Reduziert auf das Gesicht der Verstorbenen und den einen Satz, der Leben und Sterben in wenigen Worten charakterisieren soll, auf vergilbten, bläulich-grünen Umschlägen, hinterfragt der Künstler unseren Umgang mit dem Tod.

Nachdenklich stimmt auch ein Werk von 2012, eine meterlange Papierrolle, auf der sich Wehinger in langer Arbeit mit widerspenstiger Feder und Tusche die Uhrzeit im Takt von jeweils vier bis zehn Sekunden, in eng geschriebenen Zeilen und Spalten notiert hat. Immer wieder der gleiche Vorgang, stundenlang, in voller Konzentration: Uhrzeit ablesen, niederschreiben, ablesen, niederschreiben.

Damit materialisiert er nicht nur seine Arbeitszeit. Aus dem scheinbar sinnlosen Vorgang, sich mit der Zeit messen zu wollen, aus der offensichtlichen Verschwendung von Zeit, entstehen eine Verortung und ein künstlerisches Werk. Damit markiert Peter Wehinger in Harald Gfaders Mini-Kunsthalle nicht nur eine weitere spannende Position, er fordert über die Auseinandersetzung mit seiner Kunst zur Auseinandersetzung mit dem Leben an sich auf.

Zur Person

Peter Wehinger

Zeichner, Installations- und Objektkünstler

Geboren: 1971 in Dornbirn

Ausbildung: Akademie der Bildenden Künste Wien (Studium bei Gunter Damisch, Monika Bonvicini und Peter Kogler)

Laufbahn: zahlreiche Ausstellungen und Projekte, u. a. in Feldkirch, Wien, Zürich und Bratislava, SilvrettAtelier 2012, Artist in Residence in Litauen 2012, „rookie of Art Bodensee“ 2012

Wohnort: Dornbirn

Die Ausstellung wird im milK_ressort, Alte Sennerei, Agasella 8,
in Göfis, am 25. September um
19 Uhr eröffnet. Geöffnet bis
7. November, So, 14 bis 17 Uhr,
sowie unter 0664 5141286.