An der kurzen Leine völlig frei

25.09.2015 • 19:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Lilian Genn dirigiert nicht nur das gesamte Symphonieorchester Vorarlberg, sondern auch das – vor allem junge – Publikum. Foto: Stiplovsek
Lilian Genn dirigiert nicht nur das gesamte Symphonieorchester Vorarlberg, sondern auch das – vor allem junge – Publikum. Foto: Stiplovsek

„Kommissarin Flunke“ und das SOV zeigen, wie Musikvermittlung fruchten kann.

Christa Dietrich

Bregenz. Die Aufforderung zum Mitklatschen oder auch zum Mittanzen hat man bei Konzerten mit einem klassischen Programm vielleicht schon erlebt, aber den Rhythmus konkret vorgeben, mit­atmen, aufstehen und die Gefühle, die Musik auszulösen vermag, direkt bzw. unmittelbar erfahren bis hin zu den Tränen in den Augen? Jene Schüler, die gestern das Bregenzer Festspielhaus füllten, durften das alles und noch viel mehr. Bevor man am heutigen Samstag zur öffentlichen Aufführung von „Ein Fall für Kommissarin Flunke“ nach Rankweil lädt, hat das Symphonieorchester Vorarlberg (SOV) sein neues „Familienkonzert“ vor dem Zielpublikum, das heißt vor Kindern und Jugendlichen von neun bis etwa 14 Jahren, durchgespielt. Genau genommen hat man die über tausend Besucher am Geschehen teilnehmen und teilhaben lassen. Und das ist auch das Konzept, das hinter Produktionen steckt, die der Vorarlberger Trompeter Stefan Dünser mit seinem kleinen Ensemble, mit den „Schurken“, bereits mehrfach und mit mehreren Stücken in verschiedenen Städten überaus erfolgreich realisiert hat.

Mitmachmusiktheater

„Ein Fall für Kommissarin Flunke“ braucht mehr als vier bis fünf Protagonisten. Konzipiert von Dünser und der Schauspielerin und Musikpädagogin Lilian Genn versteht sich das Werk als Mitmachmusiktheater. Der „Slawische Tanz“ von Dvorák, der „Ungarische Tanz“ von Brahms und der Walzer op. 44  von Sibelius sowie – als Draufgabe – die Polka „Ohne Sorgen“ von Josef Strauß – sollen von einem Orchester dargeboten werden, dem der Dirigent abhanden gekommen ist. Damit die chaotisch wirkende Truppe aber doch den gemeinsamen Ton findet, tritt eine Musikkommissarin auf, die weiß, wie das geht und entsprechend hart durchgreift bzw. die Leine kurz hält. Befürchtungen, dass das alles sehr dozierend vonstatten gehen könnte, werden rasch zerstreut, reicht die Bandbreite der theatralischen Überhöhung doch von der Strafandrohung, die gegebenenfalls auch Verhaftung vorsieht, bis hin zum sentimentalen Gefühlsausbruch. Und das gibt durchaus Sinn, neben all dem, was hier erfahrbar wird, zeichnet sich ein zusätzlicher Aspekt ab: Musik konfrontiert neben all dem Spaß auch mit Freiheit, die uns Menschen vor allem dann beschert ist, wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen, genau aufeinander hören, Grenzen akzeptieren und an uns arbeiten. Zuweilen auch hart.

Üstüns Rap

Rote Socken zum schwarzen Anzug, eine grellbunte Jacke, eine Sonnenbrille und das mehr oder weniger gesamte Sortiment der aktuellen Hutmode auf dem Konzertpodium? Dass weder die reichlich schrillen Accessoires noch die zum Einsatz kommende Trillerpfeife und die Handschellen als Störfaktor empfunden werden, dafür sorgen das dichte Textkonzept und die stringente Inszenierung von Theresita Colloredo. Der Ablauf ist ganz schön rasant, aber immer getrieben von einer Neugier und einer Idee, die musikalisch auch durch den „Flunke-Rap“ zum Ausdruck kommt, den der Vorarlberger Murat Üstün dem Unternehmen beisteuert und der dem Ganzen nicht nur einen Rahmen gibt, sondern den Zuhörer in der Gewissheit bestärkt, hier nicht einer Probe besagter Konzertsaalhits beizuwohnen, während der den Einsteigern in den Musikkosmos die Grundaspekte der Werke erläutert werden, sondern einer kompakten, aussagekräftigen und sehr humorvollen Aufführung.

Während sich die Freunde des Symphonieorchesters Vorarlberg vielleicht auch dabei amüsieren, wie sich ihre Orchestermitglieder unterweisen lassen, nehmen die Beobachter des regionalen Musikgeschehens erfreut zur Kenntnis, dass Musikvermittlung nicht nur ernst genommen, sondern mit entsprechendem Aufwand höchst professionell und mit viel Freude umgesetzt wird.

Nächste Aufführung von „Ein Fall für Kommissarin Flunke“, 26. September, 17 Uhr, Vinomnasaal Rankweil.