Mit bestellten Peitschenhieben für den Autor

25.09.2015 • 19:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Reinhard Kräuter als Darsteller in seinem Stück „Lampedusa“, das vom Theater Wagabunt uraufgeführt wurde. Foto: VN/cD
Reinhard Kräuter als Darsteller in seinem Stück „Lampedusa“, das vom Theater Wagabunt uraufgeführt wurde. Foto: VN/cD

„Lampedusa“ bezeichnet eine Tragödie oder ein Trauerspiel besonderer Art des Theaters Wagabunt.

Dornbirn. (VN-cd) Wagabunt, das war einst ein Schauspielunternehmen, das – in der Tat auf einem Wagen – mit vielen Hoffnungen eingezogen war. Peter Langebner, zuvor unter Bruno Felix am Theater für Vorarlberg tätig, hatte hier eine Möglichkeit gefunden, kreative Ideen umzusetzen. Robert Kahr war bald ebenfalls dabei und er blieb es auch, als Wagabunt längst sesshaft geworden war und Langebner andere Betätigungsfelder in Angriff nahm. Viele Jugendstücke hat man in den letzten Jahren unter diesem Label an verschiedenen Orten realisiert, darunter auch einige adaptierte Klassiker und Uraufführungen. Die jüngste verfasste der Vorarlberger Reinhard Kräuter, der unter der Regie von Peter Albrecht nun auch mit seinem Text auf der Bühne steht. „Lampedusa“ steht auf dem Plakat, und so lautet auch der Titel einer der fünf „Balladen aus dem 21. Jahrhundert“, die einen Theaterabend ergeben sollen, den der Musiker Andreas Amann anreichert.

Ausgleichende Musik

Womit das uneingeschränkt Positive der Produktion genannt sei. Als Bassist, Perkussionist und Schöpfer von Chorpassagen unterstreicht der Vorarlberger das Stilkonglomerat dahingehend, dass sich das antike Kolorit, die klassische Deklamation und die weitgehend natürliche Sprechweise durch die Musik miteinander verbinden. So manch Holpriges glättet Jazziges oder der weiche Strich über den Bogen ein. Amanns Eingriff ist bedeutend und insofern ist es verwunderlich, dass der Name des Musikers sowie die der Chormitglieder auf dem Produktionsflyer gar nicht aufscheinen. Dort steht beispielsweise, dass wir „in einem Paradies leben, das wir nicht verlassen dürfen“. Während das Eingesperrtsein in der titelgebenden Ballade (oder nennen wir es einfach einen lyrischen Text) als schmerzvolle Erfahrung zum Ausdruck kommt, für die der Autor das Bild von der verlorenen Geliebten findet, deren Flucht schon vor Lampedusa endet, hören sich die weiteren Texte wie ein Aufbegehren gegen die Welt an, das im Zuge eines Reifungsprozesses passiert. Der Sessel, der nicht mehr aus Holz, sondern aus körperfremdem Kunststoff ist, die großen Konzerne, die Konsumwelt, politische Systeme, die als Diktaturen begriffen werden – der Autor findet sich nicht oder nicht mehr zurecht in seiner Welt und der Zuhörer verliert das Interesse, weil er die Dinge oder den Umbruch, in dem sich die Welt offenbar befindet, nicht benennt und den literarischen Anspruch teilweise mit biblisch angehauchten Passagen („ward durch seine Hände Arbeit Form, die rufend aus ihm kam“) mehr behauptet als erfüllt.

Die Regie tut gut daran, den performativen Charakter zu unterstreichen und das Pathos, das Kräuter zulässt, zu minimieren. Mag ein Teil des Premierenpublikums im Dornbirner TiK der Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau auch etwas abgewinnen, so bleibt doch anzumerken, dass es wenig bzw. nicht erhellend ist, mit einem Frauenbild konfrontiert zu werden, das auf die – selbstverständlich aus der Perspektive des Mannes betrachtete – Körperlichkeit reduziert wird. Die Tatsache, dass sich der Autor bzw. der Schauspieler dann selbst dazu anbietet, ausgepeitscht zu werden, kompensiert die Plattheit nicht, die einzelnen Passagen innewohnt. Seiner Aufforderung sind einige nachgekommen. Möge hingehen und tun, wem das gefällt.

Weitere Aufführungen am
26. September, 2., 3. und 4. Oktober, 20 Uhr im TiK in Dornbirn.