„Reda wia d’Schnabl gwachsa isch“

25.09.2015 • 18:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Festival „Drei Tage Mundart“ startete gestern mit einer dialektalen Vocal-Performance von Martin Gruber, Christian Uetz und Norbert Mayer.  Foto: vn

Das Festival „Drei Tage Mundart“ startete gestern mit einer dialektalen Vocal-Performance von Martin Gruber, Christian Uetz und Norbert Mayer. Foto: vn

Ehrlich und direkt: Dieses Wochenende steht das Ländle ganz im Zeichen der Mundart.

lauterach. Die Bühne mittendrin, außerhalb, an den Ecken und Rändern der Zuschauerreihen, saß man eingebettet im rustikal-sanierten Charme der Alten Seifenfabrik in Lauterach. Dann Martin Grubers Stimme am Mikrophon: „I hia do in mir/so an art Dialekt“, behutsam, vorsichtig. Was danach aber folgte, war nicht mehr behutsam, nicht mehr vorsichtig, sondern eine klang- und humorvolle, laute und herzergreifende Vokal-Mundart-Performance über das, was der Dialekt kann und wie er rhythmisch tickt. Erarbeitet von Martin Gruber, Christian Uetz und Norbert Mayer eröffnete man damit gestern das dieses Wochenende im Rahmen der „13. Internationalen Bodenseekonferenz-Künstlerbegegnung“ stattfindende Festival „Drei Tage Mundart“.

Mundart schafft Identifikation

Fünf Sprecher, Jodelgesänge und eine Band: Man kam ohrenbetäubend und zärtlich leise zugleich daher, poetisch wie derb-vulgär, mischte die gesprochenen, rhythmischen Stärken des Dialekts mit seinen musikalischen, melodischen Trümpfen, spielte mit den Klischees des Dialekts und deren Trägern und jonglierte mit den lautlichen Doppelbedeutungen des ein oder anderen dialektalen Ausdrucks. Man fluchte, scherzte, erzählte, was das Mundartvokabular her gab. Oder einfach mit den Worten der Performance selbst gesagt: Man war ein „lustklanglichs Sprochtheater“.

Also alles nur Spiel, seicht und leicht für Zwischendurch? Nein. Hinter der schwerelos anmutenden, künstlerischen Fassade riss man ernsthafte Belange auf, fragte nach dem Stellenwert des Dialekts, nach dem, was er kann, gerade und vor allem im Vergleich mit der Hochsprache und konnte letztlich, vor allem mit einer Videoinstallation und dadurch zum Zuge kommenden Gesprächsfetzen von Immigranten, die die Vorarlberger Mundart nicht völlig beherrschen beziehungsweise nicht mit der Muttermilch getrunken als gegeben betrachten, einerseits die sprachlichen Besonderheiten in den Vorarlberger Mundarten, wie beispielsweise die vokalische Bandbreite von Wörtern wie „Hallo“ oder „schön“ demonstrieren, andererseits den gesellschaftspolitischen Aspekt des Dialekts zum Thema machen. Denn was passiert, wenn die Mundart nicht nur Identifikation schafft, sondern als Grenzziehung wirkt? Eine etwas versteckte, aber nachklingende Tiefgründigkeit und thematische Dualität, die unter die Haut ging wie die immer wieder die Performance unterbrechenden Lieder der Band Mockemalör: Überraschend packende Beats, atmosphärisch dichte Klangkompositionen und eine treibende, engelhafte Frauenstimme auf Schwarzwälder-Alemannisch ergaben ein mitreißendes Ganzes.

Mundart-Wochenende

Wer sich jetzt fragt, wo der Dialekt denn nun konkret tiefer greift als die Hochsprache, dem sei gesagt: So eine authentisch-nahe Performance, die wäre im Hochdeutschen auf jeden Fall nicht möglich gewesen. Denn, wie Martin Gruber im Vorfeld des Festivals bereits sagte und an dieser Stelle als mögliche Antwort kaum zutreffender sein könnte: „Der Dialekt ist unmittelbarer, ungekünstelter.“ In ebendieser Echtheit und Direktheit ist die Mundart dann so einzigartig und fabelhaft, dass am Performanceende nur ein „Mehr davon!“-Gedanke blieb, der sich leichter nicht umsetzen lassen könnte: Mit Dialektbeiträgen aus der gesamten Vielfalt des Bodenseeraumes von Poetry-Slams über Jodler bis zum Kabarett wartet das dichtgeknüpfte Programm von „Drei Tage Mundart“ heute und morgen noch auf.

Ein besonderes Highlight ist dabei die heutige Performance von Gabriel Ulrich, langjähriger Förderer der Vorarlberger Mundart. „Schudaistei Schudaigou“ lautet der Titel, eine Klangreise mit Lautexperimenten, eigenen Mundarttexten und Relikten deutscher Sprachdenkmäler sind geplant. 

Die Mundarttage findet noch am Samstag und Sonntag ganz­tägig im Vorarlberg Museum in Begenz statt.