Die Aufwertung des Plakativen

29.09.2015 • 18:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Künstler Edgar Leissing mit Kosmos-Plakaten. Ganz oben liegt das aktuelle für „Die Stadt“ von Martin Crimp.  Foto: VN/Hartinger
Künstler Edgar Leissing mit Kosmos-Plakaten. Ganz oben liegt das aktuelle für „Die Stadt“ von Martin Crimp. Foto: VN/Hartinger

Der Weg zum Theater Kosmos führt fast immer über den Künstler Edgar Leissing.

Christa Dietrich

Bregenz. Die Latte liegt hoch. Wer auf der Suche nach neuen Inszenierungen öfter in Berlin landet, traf vor einigen Jahren an der Schaubühne auf die Umsetzung von Martin Crimps „Die Stadt“ durch Thomas Ostermeier. Der hatte das Stück über eine kleine Familie, die ihre Lebensform zu hinterfragen hat, mit Mark Ravenhills „Der Schnitt“ kombiniert und bot auf außergewöhnlich angeordnetem Raum intensives Dialogtheater. Im Bregenzer Theater Kosmos inszeniert Hubert Dragaschnig nun die österreichische Erstaufführung von „Die Stadt“ und bietet ab 1. Oktober nicht nur erstmalige Begegnungen mit den jungen Schauspielerinnen Suse Lichtenberger und Selina Ströbele, sondern auch mit dem Vorarlberger Musiktalent Sophia Tschanett. 

Ein Satz, der zum Bild führt

Bevor diese stattfinden können, wird das Interesse an neuen Produktionen dieses Theaters bereits seit Jahrzehnten durch die Plakate geweckt oder gesteigert. Auch der Urheber der nun für „Die Stadt“ gewählten und scheinbar aus einem Kommerz-Animationsfilm entstiegenen Figur, die unter dem Kleidchen ein Geheimnis birgt, ist der bekannte Künstler Edgar Leissing. „Die Stadt in mir“, heißt es irgendwo in dem Text. Der Satz ließ einen Film im Kopf des Künstlers entstehen, den er nicht mehr loswurde. Mit diesen Bildern konfrontiert er dann die beiden Theaterleiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig. Was mitunter zu tagelangen Auseinandersetzungen führen kann, lief diesmal glatt. Es blieb bei der einen Idee, Leissing probierte nur noch mehrere Stadtsilhouetten durch, blieb bei New York hängen und stieß bei den Auftraggebern auf keine Widerrede, denn letztlich macht der britische Autor seine Geschichte nicht unbedingt in seinem Umfeld fest.

Die Comic-Linie wollte man in dieser Spielzeit konsequent durchziehen. Wer sich noch an den wunderbaren, fallschirmspringenden Pudel für „Die Reise nach Islamabad“ von Klaus Chatten erinnert, dem darf erzählt werden, dass der deutsche Autor sogar etwas Spundus hatte, als Leissing das Tier texttreu mit einer Zündschnur versah. Doch das Bild stimmte und schlug ein.

Überraschungseffekte

Bei der Durchsicht der Motive gelangt man zum Schluss, dass der ausführende Künstler in seiner Funktion als Grafiker nicht nur viel Intuition und Kreativität erkennen lässt, sondern dass Edgar Leissing auch enormes Durchsetzungsvermögen hat. Es ist nachvollziehbar, dass die Unternehmer bzw. Intendanten auch möglichst viel Plakatives sehen wollen, dass der künstlerische Aspekt aber dennoch fast immer überwiegt, lässt die Kosmos-Werbung der letzten 19 Jahre wie eine Bildergalerie mit Überraschungseffekten wirken. Zu Leissings Lieblingen zählt nicht zufällig das Motiv für „Ihr könnt froh sein“, auf dem ein menschlicher Kopf, der aus dem Biologiebuch entnommen sein könnte, in eine Nähmaschine übergeht, mit der der Titel gestickt wird. Im Stück geht es unter anderem um die Ausbeutung von Näherinnen. In „Kaspar Häuser Meer“ laufen Sozialarbeiterinnen Gefahr auszubrennen. Die Bauklötzchen seiner Kinder formte Leissing übereinander, damit ein abstrakter Druck entstehe, aus dem sich vieles lesen lässt. Und wenn wir für „Der Hässliche“ auf einen Elektrostecker blicken, der auch ein Gesicht sein könnte, wird die Groteske über den Schönheitswahn, der auch vor Männern nicht Halt macht, einfach und genial auf den Punkt gebracht. Nachdem es Leissings Devise ist, von der Zeichnung über die Malerei bis zum Objekt alle Möglichkeiten auszuschöpfen, ergänzt er das Team der Spielplangestalter, die nicht müde werden, nach Texten für Ur- und Erstaufführungen Ausschau zu halten, weiterhin.

Beim Lesen habe ich einen Film im Kopf, der sich manchmal mit dem des Regisseurs deckt.

Edgar Leissing

Zur Person

Edgar Leissing

Geboren: 1960 in Bregenz

Ausbildung: Grafik-Designer in München

Laufbahn: eigene Kupferdruckwerkstatt, Kurator und Herausgeber von Editionen, Gründer und Leiter des „Abendaktes“, zahlreiche Ausstellungen als bildender Künstler

Wohnort: Schwarzach

Familie: verheiratet, zwei Söhne

Premiere „Die Stadt“ von Martin Crimp  am 1. Oktober, 20 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz (shed 8). Aufführungen bis 25. Oktober.