Vom Bahnhof Zoo zum Checkpoint Charlie

29.09.2015 • 18:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gell in seinem Druckmuseum. 
Gell in seinem Druckmuseum. 

Markus Gell zeigt im Museum für Druckgrafik, dass er Städte mit besonderen Augen sieht.

RANKWEIL. (VN-ag) Berlin ist dem Rankweiler Markus Gell immer wieder eine Reise wert. Als hervorragender Drucker, der sich längst einen Namen gemacht hat, führt ihn vor allem die Zusammenarbeit mit dem bekannten deutschen Künstler Markus Lüpertz seit einigen Jahren fast regelmäßig in die alte neue Hauptstadt.

Historischer Kontext

Dass er dort zuletzt künstlerisch auch in eigener Sache, mit offenen Augen und seiner Kamera, unterwegs war, beweist nun eine Ausstellung in seinem Rankweiler Museum für Druckgrafik. Ursprünglich entstanden ist das Projekt, das ab 15. Oktober in der Galerie des Werkbundes in Berlin zu sehen sein wird, eigentlich für eine Präsentation im Goethe-Institut in Belgrad. Beide Städte machen für Markus Gell zeitversetzt eine ähnliche Transformation durch. So nimmt Gell den Betrachter anhand einer Reihe von 27 Fotogravuren mit auf „Einen fotografischen Spaziergang“. Markus Gell sieht Berlin nicht aus der Perspektive des Touristen, der von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzt und dabei nur einen flüchtigen Blick auf die Oberfläche erhascht. Seine Ansichten der Stadt, die ihn aus geschichtlichen Gründen ebenso fasziniert wie in ihrer unverbrauchten Frische, sind vielmehr aus einem historischen Kontext und aus seinen Kontakten vor Ort, die ihm wiederholt einen anderen Zugang zur Stadt beschert haben, gespeist und ins Jetzt geholt.

Malerisches Grau

Anknüpfungspunkte für seine Fotobilder sind sowohl die Straßenszenerien und Bahnhöfe wie der Admirals­palast oder der Bahnhof Friedrichstraße, die bereits die Expressionisten fasziniert haben, die Architektur in ihrer Vertikalität wie der Kollhoff Tower als auch die Literatur. Ebenfalls im Fokus des Künstlers, ein gutes Vierteljahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer: die (einstigen) politischen und sozialen Brennpunkte der Stadt, wie Checkpoint Charlie oder der Bahnhof Zoo.

Umgesetzt mittels der Fotogravur als einer speziellen Tiefdrucktechnik, an deren Perfektionierung Markus Gell lange getüftelt hat, und von digitalen Farbaufnahmen in eine ungemein malerische Palette von Grautönen und -schattierungen übertragen, erfahren die Motive eine Neuinterpretation. Der Zeit scheinbar enthoben, atmosphärisch verdichtet und reduziert auf Wesentliches, zeichnen sich die Bilder durch eine unaufgeregte Mischung aus flanierendem durch-die-Straßen-Streifen und gezielter Motivsuche aus.

Das frische Berlin ist interessanter als das morbide Wien.

Markus Gell
Die Friedrichstraße. Fotos: Gell, AG
Die Friedrichstraße. Fotos: Gell, AG

Zur Person

Markus Gell

Geboren: 1967 in Rankweil

Ausbildung: Studium an der Pädagogischen Akademie und am Pädagogischen Institut (Mathematik, Geografie, Bildnerische Erziehung)

Laufbahn: Unterrichtstätigkeit als Lehrer, Gründung einer gewerblichen Druckwerkstatt (2000), Erweiterung der Werkstatt und Eröffnung des Museums für Druckgrafik (2004), Mitglied bei Xylon Österreich, zahlreiche Ausstellungen und Beteiligungen

Auszeichnungen: u. a. eines der „schönsten Bücher Österreichs“

Wohnort: Rankweil

Die Ausstellung ist im Museum für Druckgrafik, Hartmanngasse 15a in Rankweil, bis 10. Oktober geöffnet, Do und Fr, 18 bis 20 Uhr, Sa, 3. Oktober, 18 bis 1 Uhr, Sa, 10. Oktober, 10 bis 12 Uhr. Ab 15. Oktober in Berlin.