Den Alltag auf Kunst gebettet

Kultur / 01.10.2015 • 23:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Franziska Stiegholzer und May-Britt Nyberg Chromy. Fotos: AG
Franziska Stiegholzer und May-Britt Nyberg Chromy. Fotos: AG

In der Villa Claudia befassen sich May-Britt Nyberg Chromy und Franziska Stiegholzer mit banalen Dingen.

FELDKIRCH. (VN-ag) Es sind die kleinen Dinge, die unseren Alltag bestimmen. Die Plastiktasche, das Gemüsenetz aus dem Supermarkt, ein Putzschwamm oder eine Wäscheklammer – tausendfach zur Hand genommen und nach Gebrauch entsorgt, zum Schattendasein in Schubladen bestimmt, verfügbar, praktisch, und doch kaum registriert in ihrer Erscheinung.

Ästhetische Erfahrung

Den Beweis, dass auch diese „AlltagsDINGE“ im „No Name Design“ und als anonyme Entwürfe jenseits der Inszenierung von durchgestylten Objekten ästhetische Erfahrungen schärfen können, treten die Vorarlberger Künstlerinnen May-Britt Nyberg Chromy und Franziska Stiegholzer in der Villa Claudia an. Ein gemeinsamer Raum am Beginn der Ausstellung konfrontiert gleich mit einer geballten Ladung an Alltäglichem, in den Kunstkontext transferiert, und verrät in der Durchmischung, dass die beiden Künstlerinnen gut miteinander können. Bei beiden Künstlerinnen lässt sich das Besondere im Banalen, das Neue im Vertrauten und die Schönheit im Alltäglichen entdecken. Aber auch die Unterschiede in Denk- und Herangehensweise offenbaren sich. Den reichen Materialfundus für die aus Dänemark stammende May-Britt Nyberg Chromy (geboren 1965) liefern Heim, Haus und Küche. Ihre Auseinandersetzung mit den Dingen ist eine Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen, dem Gebrauchten, das seine über Jahre erworbene Geschichte und Patina einbringt, aber auch mit dem achtlos Weggeworfenen.

So enden die über Monate gesammelten leeren Klopapierrollen mit rosa Anstrich in einem Schriftzug oder die Frucht- und Gemüsenetze in einem Hut aus bunten Bommeln. Schwämme werden zu „Schnucki Putzis“ oder „Putz Teufeln“, eine „Kugelschreiberkugel“ ragt einem Kaktus gleich aus einem Blumentopf, und die Schublade, die schon zwei Generationen von Nyberg-Chromy-Frauen unzählige Male aufgezogen haben, wird mit Kochlöffeln versehen zum „Kochlöffelfüßler“.

Nachdenken über Ressourcen

Neben ihrem Witz regen May-Britt Nyberg Chromys Objekte aber auch zum Nachdenken über Ressourcen und den achtsamen Umgang mit Einwegartikeln an, wie der rund drei Meter lange, gehäkelte Wand-Boden-Teppich aus zerschnittenen Plastikeinkaufstaschen. Wie viel Plastik braucht der Mensch?

Haben diese Dinge schon eine ganze Strecke Alltag hinter sich gebracht, so besorgt sich die Bildhauerin Franziska Stiegholzer (geboren 1967 in Wien) ihre seriellen, industriell gefertigten Rohstoffe vor allem im Baumarkt. Das skulpturale Element fokussierend, wird entweder Kleinteiliges, Modulares wie Wäscheklammern, Kabelbinder oder Spritzen verarbeitet, oder auch Großflächiges, zunächst flach Scheinendes wie geriffelte Gummimatten oder immergrüner Kunstrasen. Ihrer Funktion enthoben, schlägt die Form förmlich Purzelbäume, wenn sich Kunstrasen zum Polster aufbläht oder Elektrokabel und Gartenschlauch zum Würfel komprimiert werden. Diese kubisch-geometrischen Grundstrukturen halten Franziska Stiegholzers Arbeiten, die von Fixierung einerseits und Bewegung andererseits leben, bei aller Verschiedenartigkeit der Materialien zusammen.

Eröffnung zur „Langen Nacht der Museen“ am 3. Oktober, 18 Uhr, in der Villa Claudia, Bahnhofstraße 6, in Feldkirch. Geöffnet bis 31. Oktober, Fr, 16 bis 18 Uhr, Sa, 15 bis 18 Uhr, So, 10 bis 12 und 15 bis 18 Uhr.