Entfremdung nahegebracht

01.10.2015 • 21:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die junge Vorarlbergerin Sophia Tschanett mit Bernhard Majcen in „Die Stadt“ von Martin Crimp am Theater Kosmos.  Foto: VN/Hartinger
Die junge Vorarlbergerin Sophia Tschanett mit Bernhard Majcen in „Die Stadt“ von Martin Crimp am Theater Kosmos. Foto: VN/Hartinger

Kosmos eröffnet die Theatersaison mit lohnenden Begegnungen und starkem Stück.

Christa Dietrich

Bregenz. In Martin Crimps Stück „Die Stadt“ treten ein Ehepaar und ein kleines Mädchen auf. Der Alltag stellt eine kleine Familie vor großen Herausforderungen – das steht so weit fest. Die Themen Krieg, Folter, Vertreibung und Mord hingegen könnten auch Fiktion sein. Der Wahl, die das Bregenzer Theater Kosmos zum Auftakt der neuen Saison traf, liegt nichts Spekulatives zugrunde. Der Spielplan wurde schon vor Monaten festgelegt. Betroffen von den aktuellen Bezügen, konnte sich das Premierenpublikum am gestrigen Abend zudem mit dem guten Gespür der Leiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig für die Besetzung auseinandersetzen. Neben den beiden deutschen Schauspielerinnen Suse Lichtenberger und Selina Ströbele (die aus Friedrichshafen stammt) steht mit dem Österreicher Bernhard Majcen nach längerer Pause ein Künstler auf dieser Bühne, der die Geschichte des Hauses und Jaggs Engagement bei Freiluftspielen in Kärnten mitgeprägt hatte.

Und außerdem dürfte es wohl niemanden geben, der vom Spiel der erst 12-jährigen Sophia Tschanett nicht angetan war. Das Mädchen darf nicht nur als schauspielerische Begabung bezeichnet werden (es spielt übrigens eine kleine Rolle im gerade gedrehten Film „303“ von Hans Weingartner), die Bregenzerin hat auch musikalisch sehr viel drauf, spielt Klavier und Oboe und hat damit bereits so manche Wettbewerbsjury überzeugt.

Direkt beim Publikum

Mit dieser Besetzung war es dem Theater Kosmos auch möglich, das Stück etwas größer anzulegen, als es vor Jahren bei der deutschsprachigen Erstaufführung an der renommierten Schaubühne in Berlin geschah. Dass es seitdem nie über die Grenze nach Österreich gekommen ist, verwundert. Aber gut, Spürnasen sind Jagg und Dragaschnig als Chef ihres Erst- und Uraufführungshauses immer schon gewesen. Letztgenannter führt dieses Mal Regie, muss ein gut 90-minütiges Aufeinandertreffen von drei bzw. vier Personen so konstruieren, dass der Ablauf trotz der langen Monologe nicht auseinanderdriftet.

Er macht es sich und den Schauspielern dabei nicht leicht, wohl aber dem Publikum. Dem kommen die Figuren nämlich sehr nahe. Gespielt wird frontal in die Zuschauerreihen hinein, die Konfrontation passiert direkt in größter Konzentration auf den Text. So wenig Spielraum gewährt selten ein Regisseur seinen Schauspielern. Und nachdem alle auf kleine, feine Gesten getrimmt sind, darf die Ausstattung eine Spur plakativ sein. Reinhard Taurer liefert dem Text zwar nicht gleich einen doppelten Boden, wohl aber eine blutrote Wellenlandschaft, auf der jedermann rasch ins Straucheln geraten könnte und nichts mehr sicher ist. Das vertikale Bild wird hingen von riesigen Blüten beherrscht, aus glänzendem Metall sind sie und messerscharfe, gefährliche Ränder haben sie. 

Kein Sozialdrama

Worum es geht? Clair und Chris führen eine Mittelstand-Ehe. Sie übersetzt literarische Texte, er macht irgendetwas, das den Wohlstand garantiert. Der Verlust seines Jobs stürzt die Familie weniger in ein finanzielles Chaos, Chris findet sich nicht mehr zurecht. Sein Identitätsproblem spiegelt sich in jenem seiner Frau und schließlich auch in jenem seiner heranwachsenden Tochter. Nichts ist mehr klar. Trifft sich Clair wirklich mit den Schriftstellern, deren Texte sie in die eigene Sprache überträgt? Stört sich eine plötzlich auftretende Krankenschwester wirklich am Lärm der spielenden Kinder? Martin Crimp zeigt auf, dass es keiner großen Ereignisse bedarf, um das Sicherheitsgefühl zu verlieren. Große Enttäuschungen würden die Menschen, die er hier zeigt, durchaus verkraften, verstörend wirkt für sie die Entfremdung, die sich leise in den Alltag schleicht. Suse Lichtenberger, Bernhard Majcen und Selina Ströbele zeichnen diese Momente feingliedrig nach. Mit dem kleinen Mädchen die Figurenspiegelungen Comic-haft nachzuzeichnen, ist eine ausgezeichnete Regieidee, die dem Theaterabend zusätzliche Stringenz und Spannung verleiht.

Wir finden diesen Aspekt im Übrigen auch im Plakat des Vorarlberger Künstlers Edgar Leissing, der dem harmlosen Bildchen von Alice im Wunderland mit dem Stadtbild auf der Schürze zwar nicht etwas Unheimliche angedeihen lässt – das wäre zu banal – aber ein weiteres Geheimnis, dem man nachspüren möchte. Über die großen alten Themen Schein und Wirklichkeit lassen sich also noch gute, treffende und heutige Texte schreiben – und sie lassen sich auch entsprechend umsetzen.

Weitere Aufführungen im Theater Kosmos in Bregenz (shed 8) bis 25. Oktober: www.theaterkosmos.at. Dauer: gut 90 Minuten.