Massaker, das Jahrzehnte nachwirkt

Kultur / 02.10.2015 • 20:21 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Toskana war Schauplatz von grausamen Massakern, die deutsche Soldaten im Jahr 1944 verübten – darunter in San Gusmé. Fotos: ERne
Die Toskana war Schauplatz von grausamen Massakern, die deutsche Soldaten im Jahr 1944 verübten – darunter in San Gusmé. Fotos: ERne

Eduard Erne thematisiert Gräben, die noch 70 Jahre nach Kriegsende sichtbar sind.

Christa Dietrich

Bregenz. Sie zogen ihre Wehrmachtsstiefel aus und die Badelatschen an und fuhren hinunter ins Land, in dem sie einst Feinde waren und ungeheuerliche Massaker verursachten. So fasst Eduard Erne (geboren 1958 in Bregenz) die Stimmung zusammen, die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Alltag in Deutschland verbreitete. Über das, was geschehen war – etwa die Erschießung von Tausenden Zivilisten in Italien – wurde geschwiegen. Das Schweigen verursacht immer noch Schmerzen. Ein Theaterprojekt in der Toskana zeigt es auf, der dabei entstandene Film stellt zudem klar, wie ungemein wichtig es ist, dass endlich geredet wurde.

Denn, so erläutert Eduard Erne, „auch die Italiener haben im allgemeinen Verdrängen mitgespielt, sie wollten mit dem eigenen Faschismus nichts mehr zu tun haben und waren froh, dass die Touristen aus dem Norden für Einnahmequellen sorgten.“ Doch was verdrängt wird, löst bekanntermaßen keine Konflikte, die in den betroffenen Dörfern immer noch bestehen. Auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Im vergangenen Sommer hatte man an einigen Orten in der Toskana der Ereignisse des Jahres 1944 gedacht. Als Vergeltungsschläge gegen die Angriffe von Partisanen haben die Deutschen Zivilisten ermordeten. Auch eine vergleichsweise kleine Konfrontation konnte bereits ein ungeheures Verbrechen auslösen. An manchen Tagen wurde die gesamte männliche Bevölkerung eines Dorfes erschossen. Dass sich Frauen und kleine Kinder ebenfalls unter den Opfern befanden, war allerdings keine Seltenheit. Ein Zeuge eines solchen „Vorfalls“ kennt die Stellen noch, an denen sie lagen, die junge Frau mit dem Baby im Arm und ein paar Meter daneben eine weitere Verwandte. Solche Zeugen kommen in dem Film „Der vergessene Krieg“ zu Wort, den Eduard Erne gemeinsam mit Ulrich Waller gedreht hatte. Ein Mann berichtet, dass er immer noch aufschreckt in der Nacht, dann, wenn die Bilder wieder da sind. Bilder von Leichen und Blut und von der Tatsache, dass kaum jemand entkommen konnte.

Eisern unter Verschluss

Die Erinnerung fiel auch in Italien schwer, denn Partisanen gelten einerseits als Mussolini-Anhänger oder Kommunisten, über die man sich in den Dörfern so weit ausschwieg, dass die Gräber keine der typischen Porträtbilder trugen oder dass ihre Häuser zum Teil einfach niedergebrannt wurden. Dass es bis vor zehn oder fünfzehn Jahren keinerlei Bekenntnis zur Aufarbeitung gab und auch die Behörden die Dokumente eisern unter Verschluss hielten, kam den Tätern in Deutschland entgegen. Mit derlei Mechanismen in ehemaligen Kampfgebieten erklärt sich auch die Tatsache, dass die von Deutschen begangenen Kriegsverbrechen erst spät ans Tageslicht kamen bzw. einzelne Prozesse auch erst in den letzten Jahren geführt wurden.

Besonderer Blickwinkel

Im Film kommen also Augenzeugen und Historiker zu Wort, die das Geschehen sachlich kommentieren. Der besondere Blickwinkel ergibt sich aus der professionell-behutsamen Begleitung eines Theaterprojektes. „Albicocche rosse“ (Blutige Aprikosen) lautet der Titel des Stücks, das der Regisseur Ulrich Waller gemeinsam mit Dania Hohmann und Matteo Marsan über mehrere Jahre vorbereitete und schließlich mit Laienschauspielern in San Gusmé realisiert. Dort wo im Sommer 2014 die Aufführung stattfand, erfolgte auch die Premiere des Films. Er stellt sich als intensive Auseinandersetzung mit dem Geschehen dar, macht vor allem aber auch die Erinnerungskultur in Italien und in Deutschland sichtbar. Und er tut eines: Er unterstreicht die Wichtigkeit der Aufarbeitung für die Länder, für jeden Einzelnen und die Zukunft.

Faszinierend war die gemeinsame Erinnerungsarbeit von Deutschen und Italienern.

Eduard Erne
Das deutsch-italienische Theaterprojekt
Das deutsch-italienische Theaterprojekt „Albicocche rosse“ erinnert an die grausamen Ereignisse und die Konsequenzen für die Gegenwart.

„Der vergessene Krieg“ läuft am
10. Oktober beim Filmfest in Hamburg und soll anschließend in die Kinos kommen.