„Verdammter Mist, ich bin grad nicht glücklich“

Kultur / 02.10.2015 • 22:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Am Vorarlberger Landestheater hatte gestern Abend das Stück „In aller Ruhe“ von Owen McCafferty Premiere. Foto: LT/Köhler
Am Vorarlberger Landestheater hatte gestern Abend das Stück „In aller Ruhe“ von Owen McCafferty Premiere. Foto: LT/Köhler

Das Landestheater lädt seit gestern Abend ins Pub, zum gegenwärtigen Missbrauch der Religion.

Bregenz. (VN-cd) Es hätte ein gediegener Abend werden können. An der Wand die Logos der Fußballmannschaften, daneben Heiligenbildchen, Kuriosa, Dart-Scheiben, Spielautomaten, Regale voll mit Whiskeys und Ähnlichem, am Tresen der Zapfhahn. Das Personal entspricht jedem Hollywood-Klischee, der bärige Gast trägt Kariertes und Bart, der drahtige Barkeeper spricht mit polnischem Akzent. Im Fernsehen läuft ein Fußballspiel: Polen gegen Nordirland. Wir sind in Belfast. Langsam setzt sich ein Dialog in Gang. Über Alltägliches. Bis ein weiterer Gast kommt, der dem ersten gleich einmal in die Faust läuft.

Vor sechs Jahren verfasste Owen McCafferty das Theaterstück „In aller Ruhe“, das Vorarlberger Landestheater bettet die österreichische Erstaufführung in einen Spielplan, dem als Motto das Triptychon „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch vorangesellt wurde. Gewalt ist hier neben dem paradiesischen Zustand nicht ausgespart. „In aller Ruhe“ ist ein Stück über Gewalt, ein stilles Stück, ein intensives Stück und ein notwendiges. Zeigt es doch nicht viel mehr als die Tatsache, dass ein Fragenstellen auch dann wichtig und wesentlich ist, wenn ein Aufeinanderzugehen noch kaum stattfinden kann.

Folgenschwerer Auftrag

1974 war Ian ein Sechzehnjähriger, leicht zu manipulieren und radikalisieren. Er erfüllt seinen Auftrag und wirft eine Bombe in eine Runde von Männern. Unter den Opfern ist der Vater von Jimmy, der ihn nun – Jahrzehnte später – treffen will. Die Motive lassen sich nicht mehr erörtern, wohl aber die Folgen: Wirklich Fuß gefasst im Leben hat keiner der beiden.

Keine Partei ergreifen

„In aller Ruhe“ ist auch ein ausgesprochen kluges Stück. Der Autor legt den Wahnsinn offen,  begeht aber nicht den Fehler, dem Zuschauer eine Chance anzubieten, Partei zu ergreifen. Immer noch sind Politologen und Soziologen dabei, zu erörtern, was in Irland geschehen ist und wieso es die Peacewalls gibt. Und grundsätzlich gilt, dass die Religion in diesem Konflikt eine untergeordnete Rolle spielt, nur vorgeschoben wird, um Unterschiede auszumachen. Dieser Aspekt erhält auch in der Inszenierung von Heike Frank eine gute Färbung. Im alltäglichen Ritual des Barbesuchs mit den scheinbar festgegschriebenen Bewegungen, mit denen das Bier geordert und konsumiert wird, zwischen entspanntem Lehnen am Tresen, dem Werfen einiger Dartpfeile und dem Verfolgen des Fußballspiels entwickelt sich die Erzählung über das Furchtbare. Nebenbei erfahren wir, welche patriotischen Gefühle im Barkeeper schlummern und welchen Hass er befeuert. Die private Unsicherheit angesichts etwas chaotischer Beziehungen, der kleine „verdammte Mist“ ist nichts gegen die nur schlummernde Gewaltbereitschaft vierzig Jahre danach, die stets eskalieren kann. Daniel Frantisek Kamen (Barkeeper),  Stephan Szász (Jimmy) und Axel Strothmann (Ian) spielen in der Tat „in aller Ruhe“ und deshalb mit ungemein suggestiver Wirkung in einem grandiosen Bühnenbild (Ralph Zeger) und behandeln damit eine Thematik, die alles andere als vergangen ist, sondern die sich im Kern der Sache als absolut gegenwärtig darstellt.

Weitere Aufführungen zwischen
9. Oktober und 19. November im Bregenzer Kornmarkttheater: www.landestheater.org