Internationales Zentrum der Liedpflege

05.10.2015 • 19:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Apollon Musagète Quartet im Sittikus-Saal. Foto: Schubertiade
Apollon Musagète Quartet im Sittikus-Saal. Foto: Schubertiade

Die Schubertiade feiert heute Abend ein zweifaches Jubiläum ihrer Geschichte.

HOHENEMS. Die Schubertiade hat heute allen Anlass, sich selbst als internationales Zentrum der Liedpflege zu feiern. Das 40. Jahr seit Gründung des weltweit bekannten Lieder- und Kammermusikfestivals 1976 durch Hermann Prey im Hohenemser Palast korrespondiert mit dem auf den Tag zehnjährigen Jubiläum der Inbetriebnahme des Markus-Sittikus-Saales im Gründungsort Hohenems, wo ein Festkonzert mit beachtlicher musikalischer Prominenz und vielen Freunden und Fans angesagt ist. Die abgelaufene Saison an den beiden Standorten Schwarzenberg und Hohenems war trotz mehrfacher empfindlicher Absagen, die jeweils perfekt überbrückt wurden, von großen künstlerischen Erfolgen und starkem Publikumszuspruch geprägt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil Schubert mit dem ersten Teil einer Gesamtaufführung seines 600 Werke umfassenden Liedschaffens so zentral wie kaum einmal zuvor im Mittelpunkt des Programms stand. So hat Franz Schubert posthum hier seine zweite Heimat gefunden.

Noch bevor sich heute Abend der imaginäre Vorhang zum Festkonzert im Markus-Sittikus-Saal hebt, hat sich dort schon in den vergangenen Tagen dieses siebten und letzten Teils des Festivals Erstaunliches getan.

Konzertmeister des SOV

Die Anwesenheit vieler gestandener Schubertianer, die man sonst nur in Schwarzenberg sieht, lässt die Vermutung zu, dass sich hier zu den Schwerpunkten im Frühjahr und Sommer auch eine Herbst-Schubertiade herauskristallisiert. Auch am Sonntag sind die Konzerte nachmittags und abends ausverkauft, das Publikum verharrt in lautloser Spannung. Das seit 2011 tätige Apollon Musagète Quartet besitzt bei heimischen Musikfreunden schon allein durch seinen Primarius einen besonderen Stellenwert, denn der Pole Pawel Zalejski agiert seit 2013 als fabelhafter Konzertmeister des SOV. Auch im Quartettspiel zeigt er fast unbemerkt seine Führungsqualitäten, wenn auch ohne die sonst üblichen Blickkontakte größtes Einvernehmen untereinander herrscht. Das Ensemble tritt, außer dem Cellisten, stehend an und setzt so gleich einmal ein Zeichen für besonderes, auch körperliches Engagement im Umgang mit Musik.

Dies kommt zunächst Antonin Dvorák in dessen bekanntem C-Dur-Quartett zugute. Mit ihrem gerundeten, wunderbar hellstimmigen Klang finden die Musiker den rechten Zugang, schillernd expressiv, dynamisch klar konturiert, aber nie überzogen. Und Zalejski meistert die ihm anvertrauten Solopassagen mit routinierter Überlegenheit und bestechend schönem Ton. Beeindruckend nach der Pause der abrupte Wechsel in die Klangwelt Franz Schuberts in seinem so endgültig scheinenden letzten Quartett G-Dur. Die Wiedergabe dieses gewaltigen einstündigen Vermächtnisses ist durchgestylt bis ins letzte Detail, dennoch blitzen immer wieder die kargen Schönheiten des Werkes auf.

Ein Abend gehörte dem Pianisten Igor Levit (28) und dem vierten Teil seines Beethoven-Zyklus. Sein Anschlag ist messerscharf und glasklar, seine Dynamik lässt den Flügel nicht ungeschoren, entspricht aber an bestimmten Stellen Beethovens Monumentalität am Klavier.

In seiner Haltung und mit seinem Lächeln gleicht er Glenn Gould, vor allem aber in seinen Tempo-Exzessen in der zentralen Sonate Es-Dur op. 81a, „Les Adieux“ (1809). Für langsame, lyrische Stellen nimmt sich Levit alle Zeit der Welt, tupft Einzeltöne in den Flügel und sinniert ihnen nach. Im Finale aber gerät er in einen Geschwindigkeitsrausch, wie man ihn bei diesem Werk wohl noch nie erlebt hat und wie er einen an Rimski-Korsakows „Hummelflug“ erinnert, die Urmutter aller klavieristischen Virtuosität: Beethovens „Hummelflug“ also, made by Levit.

Die einleitende Sonate d-Moll, „Der Sturm“ (1802), bleibt dagegen vergleichsweise harmlos, in klassischer Ebenmäßigkeit, ohne dabei jedoch zum rein musikwissenschaftlichen Objekt zu verkommen.

Hörfunkwiedergaben: 9. Oktober (Levit), 8. November (Apollon), jeweils 19.30 Uhr, Ö1. Jubiläums-Konzert zur 40. Schubertiade: Heute, 19.30 Uhr, Markus-Sittikus-Saal.