Christa Dietrich

Kommentar

Christa Dietrich

Eine politische Entscheidung

08.10.2015 • 17:54 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Wenn sehr viel Geld im Spiel ist, zieht auch die Literatur die Aufmerksamkeit in der ganzen Welt auf sich. Zu diesem pragmatischen Schluss muss man jährlich Anfang Oktober – meistens an einem Donnerstag – kommen. Um Punkt 13 Uhr öffnet sich in Stockholm nämlich eine herrschaftlich golden verzierte Tür. Heraus tritt der Sekretär der Schwedischen Akademie und gibt bekannt, wer der neue Literaturnobelpreisträger ist. Physiker, Chemiker und Mediziner können noch so viel erfinden, mit diesem Prozedere und der öffentlichen Wirkung kann die Bekanntgabe ihrer Auszeichnungen nicht mithalten.

Das ist vielleicht auch gut so. Literatur wird in Teilen der Bevölkerung für verzichtbar gehalten. Geht es um einen Preis, der mit nahezu 900.000 Euro dotiert ist, werden auch jene hellhörig, die selten ein Buch zur Hand nehmen. Abgesehen davon, dass die Akademie inzwischen mit Sara Danius eine Sekretärin hat, ist das Prozedere schon deshalb zu begrüßen, weil die Literatur ein paar Minuten lang die Weltnachrichten dominiert.

Und sonst? Die Entscheidung für die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch ist freilich eine politische, das heißt, auch eine politische. Ihre Darlegung und Kommentierung von Missständen geschieht in literarischer Form. Der Blick auf die Liste mit den letzten Preisträgern ist auch dann kein Indiz dafür, dass die Akademie konkret Signalsetzungen beabsichtigt, wenn man berücksichtigt, dass bei Elfriede Jelinek wohl auch ihr Anschreiben gegen reaktionäre Kräfte ausschlaggebend war. Aber immerhin: Alexijewitsch wird in ihrer Heimat, in einem Land totgeschwiegen, in dem sich am Sonntag der autoritär regierende Präsident Lukaschenko wieder wählen lassen will.

christa.dietrich@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-225