Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal gesetzt

08.10.2015 • 19:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sara Danius, Sekretärin der Schwedischen Akademie. Fotos: AP
Sara Danius, Sekretärin der Schwedischen Akademie. Fotos: AP

Die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch ist erst die 14. Literatur­nobelpreisträgerin.

Stockholm. Swetlana Alexijewitsch (67) bekommt die Auszeichnung für ihr „vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, wie die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mitteilte. Sie ist die 14. Frau seit 1901, die mit dem renommierten Preis ausgezeichnet wird.

Alexijewitsch nutzte die Fähigkeiten einer Journalistin, um Literatur zu schaffen, in der die großen Tragödien der Sowjetunion und ihres Zerfalls 1991 festgehalten werden: Der Zweite Weltkrieg, der sowjetische Krieg in Afghanistan, die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 und soziale Probleme wie Selbstmordversuche.

Neue Literaturgattung

Die Vorsitzende des Komitees der Akademie, Sara Danius, lobte Alexijewitsch als großartige und innovative Schriftstellerin, die die Seele des sowjetischen und postsowjetischen Volkes abgebildet habe. „Sie bietet uns neues und interessantes historisches Material und sie hat einen besonderen Schreibstil entwickelt, sowie eine neue Literaturgattung“, sagte Danius.

Von Alexijewitschs Roman „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ wurden mehr als zwei Millionen Exemplare verkauft. Das 1985 erschienene Werk basiert auf den zuvor unerzählten Geschichten von Frauen, die gegen die Nazi-Deutschen gekämpft hatten. Alexijewitschs Bücher wurden in 19 Ländern veröffentlicht. Sie hat zudem drei Theaterstücke und die Drehbücher zu 21 Dokumentarfilmen verfasst.

Wie viele Intellektuelle in Weißrussland unterstützt Alexijewitsch die politischen Gegner des autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko, der am Sonntag bei der Präsidentschaftswahl antritt. Wegen ihrer Kritik an der Regierung hat sie im europäischen Ausland gelebt – unter anderem in Deutschland –, wohnt aber inzwischen in der weißrussischen Hauptstadt Minsk.

Die 67-Jährige sagte, sie habe noch keine Glückwünsche vom Präsidenten erhalten. „Es wäre interessant zu sehen, was er in der Situation tun wird“, sagte sie. Bei der Bekanntgabe habe sie zugleich Freude und Unbehagen verspürt: „Wie werde ich so weitermachen?“

Alexijewitsch kam am 31. Mai 1948 in der westukrainischen Stadt Iwano-Frankowsk zur Welt. Ihre Eltern waren Dorfschullehrer. In Weißrussland, damals Teil der Sowjetunion, studierte Alexijewitsch Journalismus. Während sie Material für ihre Bücher sammelte, arbeitete sie bei Zeitungen.

Komplett übersetzt

Das Werk der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist nach Angaben des Verlags Hanser Berlin komplett in deutscher Übersetzung verfügbar. Im Herbst 2014 sei zuletzt eine Neuausgabe von „Die letzten Zeugen“ (1985) erschienen, teilte der Verlag am Donnerstag mit.

„Sie haben die Zeuginnen und Zeugen großer Menschheitskatastrophen und ihrer Folgen in das literarische und moralische Gedächtnis unserer Zeit eingeschrieben. Sie sind eine sensible und mutige Chronistin unserer Zeit“, schrieb der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck an die Preisträgerin. Der Literaturnobelpreis ist mit acht Millionen Schwedischen Kronen (rund 855.000 Euro) dotiert. Am Montag, Dienstag und Mittwoch waren die diesjährigen Träger der Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie bekannt gegeben worden. Am Freitag wird mitgeteilt, wer den Friedensnobelpreis erhält, am Montag folgt die Bekanntgabe, wer den Wirtschafts-Nobelpreis erhält. Die Preise werden am 10. Dezember verliehen.

Alexijewitsch will mit dem Preisgeld weitere Bücher finanzieren.
Alexijewitsch will mit dem Preisgeld weitere Bücher finanzieren.