Früher frisierte man Mopeds auf, jetzt auch Opern

09.10.2015 • 20:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nina-Maria Edelmann als Rosina und Philippe Spiegel als Figaro.  Foto: VN/Steurer
Nina-Maria Edelmann als Rosina und Philippe Spiegel als Figaro. Foto: VN/Steurer

Dass Buffo-Opern einiges zulassen, reizt man beim „Barbier von Sevilla“ genüsslich aus.

Christa Dietrich

Götzis. Es war nicht Rossini, es war Mozart, der beim Verfassen einer Figaro-Geschichte offenbar viel zu viele Noten verwendete. Zumindest war ein Blaublütiger einst dieser Ansicht. Aber die Adeligen stehen in den auf Beaumarchais basierenden Handlungen der angesprochenen Werke ohnehin am Pranger. Während die außerehelichen Abenteuer des Grafen in „Le nozze di Figaro“ mit sehr viel Tiefgang bedacht wurden, bleibt die Vorgeschichte, in der der untreue Almaviva erst einmal seine Rosina erobert, stets auf der Buffo-Ebene. Den Vorwurf der Notenkumulierung machte Rossini niemand, die Neuinszenierung von „Der Barbier von Sevilla“ des Musiktheaters Vorarlberg, die gestern Abend auf der Bühne AMBACH in Götzis Premiere hatte, lässt eher den Schluss zu, dass es Dirigent Nikolaus Netzer und seinem Team gar noch um einige zu wenig waren.

Man zeigt zwar, dass man in der Lage wäre, die Rezitative am Cembalo zu begleiten, viel lieber lässt man die Protagonisten aber sprechen. Italienisch und zu einer eingespielten Barmusik, was den Stimmen einen besonderen Klang verleiht. Ein Wiegeschritt dazu und der Drive ist da, der sich beim Nachsingen der Originalnoten dann nicht grundsätzlich verflüchtigt. Vieles ist sehr auf Effekt getrimmt, was das Ensemble da verlauten lässt. Einen „Barbier“ nicht von, sondern nach Rossini hätte man ankündigen können, aber gut, Stückbearbeitungen sind bei Sprechtheaterklassikern gang und gäbe, wieso also auch nicht beim komischen Opernrepertoire. Die Salzburger Regisseurin Magdalena Fuchsberger ist die Urheberin des lustigen Treibens. Dass es im „Barbier“ weniger um Liebe als um Geld geht (Rosina hat genug davon und wird deshalb von ihrem Vormund begehrt, der erst klein begibt, wenn Almaviva durch allerlei Tricks zum Ziel kommt), hat die Regie dazu verführt, eine Schar von Selbstverliebten auf die Bühne zu schicken, die bei Ausstatterin Angelika Katzinger lange Zeit nur ein blankes Podium ist und schließlich eine Bar, in der der schöne Schein noch kosmetisch aufpoliert wird. Dass die Produktion, in der selbst das „Refugees Welcome“-Plakat an der Wand ein Design-Stück ist, letztlich eine kompakte Rundung erhält, bezeichnet die Qualität des Abends, an dem – trotz Sinatra-, Pink-Panther und Rocco-Granata-Nummern – das Substanzielle durchaus zum Ausdruck kommt. Am Ende scheint alles gut auszugehen, doch glücklich ist höchstens Figaro, der weitere Fähigkeiten bekanntermaßen in der die Handlung ergänzenden Mozart-Oper zeigen kann.

Gut drauf

Das Orchester hat den Rossini-Ton zwar nicht satt, aber so weit gut drauf, stimmlich ist Nina Maria Edelmann (Rosina) mit Artikulation, Timbre, Temperament und Höhe das Highlight in der illustren Runde, Philippe Spiegel (Figaro) zeigt gutes Potenzial und punktet mit Präsenz, die Byoung-Nam Stefano Hwang (Almaviva) nach einem klangschönen Ständchen etwas zu sehr vermissen lässt. Bis die tragfähige Stimme von Iris Mangeng (Berta) zum Einsatz kommt, unterhält man sich durchwegs gut mit Riccardo Di Francesco (Bartolo) oder Till Bleckwedel (Basilio) Matthias Haid (Fiorello) und dem beherzt agierenden Chor.

Die Figuren, die sich – einem tollen Regieeinfall folgend – gewitzt zu Beginn per Videoeinspielung vorstellen, werden aber ohnehin alle sofort greifbar. Ein Plus dieses „Barbiers“, der viel Spaß macht und gerade nur so weit auffrisiert ist, dass man den Ton des eigentlichen Urhebers Rossini nicht aus den Ohren verliert.

Nächste Aufführung am 11. Oktober, 18 Uhr, weitere bis 20. Oktober: www.mtvo.at Dauer: etwa drei Stunden, eine Pause.