Am Klavier wie ein junger Gott

11.10.2015 • 18:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Pianist Jan Lisiecki und Sopranistin Ingrida Gápova mit den Warschauer Philharmonikern unter Jacek Kaspszyk im Bregenzer Festspielhaus. Foto: Dietmar Mathis
Pianist Jan Lisiecki und Sopranistin Ingrida Gápova mit den Warschauer Philharmonikern unter Jacek Kaspszyk im Bregenzer Festspielhaus. Foto: Dietmar Mathis

Ein 20-jähriger Pianist und die Warschauer Philharmoniker eroberten das Festspielhaus.

BREGENZ. Glänzend ist am Samstag die von der Kulturabteilung der Stadt verantwortete Reihe der Meisterkonzerte im ausgebuchten Festspielhaus in die neue Saison gestartet, die diesmal ganz besonders attraktiv programmiert ist. Jedenfalls gab es ein erstes Highlight gleich zum Auftakt mit der renommierten Warschauer Philharmonie unter ihrem seit 2013 amtierenden Chef Jacek Kaspszyk und dem erst 20-jährigen kanadischen Pianisten Jan Lesiecki mit einer verblüffenden Leistung. Er erinnert damit frappant an den fast gleichaltrigen Ausnahmepianisten Aaron Pilsan aus Dornbirn, der ihm in seiner frühen Reife als vollwertig ausgebildeter Pianist ebenbürtig sein dürfte. Der hoch aufgeschossene, blonde Lisiecki wirkt in seinem Auftreten noch etwas schlaksig. Doch kaum sitzt er an dem eigens zu diesem Anlass aus St. Gallen herbeigekarrten tollen Steinway, ist er wie ein junger Gott: selbstsicher, hoch konzentriert, in engem Kontakt mit dem Dirigenten, der altersmäßig sein Großvater sein könnte, über alle technischen Hürden erhaben und von einem feinsinnigen, subtilen Gestaltungswillen in Chopin-Nähe, dessen erstes Klavierkonzert in e-Moll wohl auch seinen eigenen polnischen Wurzeln entspricht. Dieses Werk mit seinen enormen Ansprüchen an den Solisten ist ihm mit halsbrecherischen Läufen und Sprüngen und in kraftvoller Eleganz, wie sie auch vom Orchester zurückkommt gerade das rechte Virtuosenfutter zur Darstellung seiner Kunst. Nicht umsonst ist der junge Künstler seit 2012 Mitglied der Serie „Junge Wilde“ des Konzerthauses Dortmund. Er kann aber auch anders, wie die Zurücknahme ins Pianissimo im zart parfümierten Larghetto beweist. Der rhythmische Beifall des Hauses erzwingt eine Zugabe mit Chopins überirdisch zelebriertem Nocturne op. posth. in cis-Moll.

Energiebündel

Bei alledem spielt das klangschöne, ungemein flexible Orchester eine blendende Rolle, geprägt von seinem vielfach ausgezeichneten Chef Kaspszyk, der nicht umsonst als einer der bedeutendsten polnischen Dirigenten bereits die wichtigsten Orchester geleitet hat. Als Energiebündel steht er fast beschwörend vor seinen Musikern, ein Magier, der durch seinen Genauigkeitseifer und seinen Klangsinn besticht.

Sopranistin Gápova

Auch bei Mahlers populärer „Vierter“ in G-Dur, die er auswendig dirigiert, geht er vollkommen auf in dieser scheinbar so schlichten, fröhlich schillernden Klangwelt aus dem Volksliedschatz „Des Knaben Wunderhorn“, lässt dabei aber auch die innewohnende Doppelbödigkeit und Ironie, die Zwielichtigkeit des Werkes erahnen. Das wird noch unterstrichen, wenn der Konzertmeister im zweiten Satz auf seiner höher gestimmten Violine eine geschärfte (Toten-)Tanzweise anstimmt. Der dritte Satz wird zum Exempel dafür, wie extrem langsam und extrem leise ein Orchester in sattem Streicherklang eigentlich spielen kann, ohne dass die Spannung verlorengeht. Im Finale findet die slowakische Sopranistin Ingrida Gápova genau den rechten, natürlichen Ton für die Darstellung der berühmten „Himmlischen Freuden“, dicht eingebettet in den transparenten Orchesterklang und dennoch klar und gut verständlich. Trotz der nicht ganz schlackenlosen Wiedergabe mit einem schlimmen Hornkieckser und etlichen unsauberen Einsätzen eine beeindruckende Deutung. Nach einer endlos scheinenden Pause nach dem letzten Ton ist die Spannung beim Publikum verpufft, der Applaus bleibt bloß noch freundlich zustimmend.

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 11. November, 19.30 Uhr, Festspielhaus – Budapest Festival Orchestra, Dirigent Iván Fischer, Solist Thomas Zehetmair, Violine (Prokofjew, Strawinsky)