Gesellschaftliche Umbrüche im Kunstschaffen von zwei Jahrzehnten

11.10.2015 • 18:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ulrike Müller wirft mit geometrisch anmutenden Figuren Fragen auf.
Ulrike Müller wirft mit geometrisch anmutenden Figuren Fragen auf.

Mit aufschlussreichen Projekten und einer Vorarlberger Künstlerin startet das Mumok in den Herbst.

Wien. (jal) Mit den künstlerischen Praktiken der 1990er-Jahre setzt sich die von Matthias Michalka stimmig kuratierte Ausstellung „to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer“ im Musem moderner Kunst (Mumok) im Museumsquartier auseinander. Die Jahre stellen sich als eine Ära tiefgreifender gesellschaftlicher, politischer und sozialer Umbrüche dar, allen voran steht das Ende des kommunistischen Systems, das von Francis Fukuyama gar als das „Ende der Geschichte“ bezeichnet wurde. Aber auch die in Hysterie umschlagende Angst vor der damals neuen Erkrankung Aids wird in der Ausstellung thematisiert.

Aus diesen groben Umwälzungen ergaben sich auch für die Kunstschaffenden zentrale neue Fragen. Es entwickelte sich eine große Bandbreite an Kunst-, Präsentations- und Kommunikationsformen. Es entstanden Zeitschriften und Publikationen, Objekte, Fotografien, Displays und Kunstprojekte mit einem gesellschaftspolitischen Hintergrund. In einer so umfangreichen Ausstellung – es werden auf drei Ebenen Werke von 50 Künstlern und Künstlerinnen gezeigt, die die historisch künstlerische Auseinandersetzung mit Ausstellungsfragen thematisieren – ist natürlich eine neutrale Positionierung der Arbeiten schwer möglich. „Eine solche Ausstellung lässt sich ohne Widersprüche nicht darstellen“, erklärt Kurator Michalka. Die Kunst der 1990er-Jahre mit der einhergehenden intensiven theoretischen Auseinandersetzung, war auch für die international renommierte Vorarlberger Künstlerin Ulrike Müller (44), für ihre eigene Entwicklung als Kunstschaffende von großer Bedeutung.

In ihrer Ausstellung „The old expressions are with us always and there are always others“, spielt sie bewusst mit klassischen Annahmen der Kunst. Sei dies der teilweise Verzicht auf die angestammten weißen Wände in einer Ausstellung, oder das bewusste Verwenden von Materialien für ihre malerische Praxis, die zunächst für die Malerei ungeeignet erscheinen.

Eigene Ausdrucksform

Das eigentlich in der Schmuckherstellung verwendete Email, mit der Müller seit 2010 arbeitet, bietet der Künstlerin die Möglichkeit, in einem stark vorgegebenen System ihre eigene Ausdrucksform zu finden, denn für Emailplatten gibt es eine technisch vorgegebene Farbpalette. Auch ihre textilen Objekte, Quilts und Wandteppiche, werden zwar nach ihren Entwürfen gefertigt, unterliegen aber den klaren Vorgaben der Webtechnik der mexikanischen Weberinnen in Oaxaca, von denen sie die Kunstwerke anfertigen lässt.

Müller, die seit 2002 in New York lebt, setzt sich seit je her in ihrer Kunst intensiv mit feministischen Themen und gesellschaftlichen Kategorien und Zuschreibungen auseinander. Dabei steht für die Künstlerin aber nicht die Intention dahinter, Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen aufzuwerfen. Die Tatsache, dass die Komplexität feministischer Themen und Vorstellungen in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, sieht Müller nicht als Problem, sondern positiv.

Es gilt, Alternativen zu traditionellen Lebensstilen zu denken und zu praktizieren.

Ulrike Müller
Performance nach dem Projekt von Felix Gonzalez-Torres.  Foto: Mumok
Performance nach dem Projekt von Felix Gonzalez-Torres. Foto: Mumok
Performance nach dem Projekt von Felix Gonzalez-Torres.  Foto: Mumok
Performance nach dem Projekt von Felix Gonzalez-Torres. Foto: Mumok

Beide Ausstellungen laufen bis Ende Jänner im Mumok;
www.mumok.at