Die Klangarchitektur Bruckners als Pfeiler des Glaubens

Kultur / 12.10.2015 • 20:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Aufgeboten für diesen Anlass ist in der Pfarrkirche St. Karl ein insgesamt 120-köpfiges Ensemble.  Foto: Jurmann
Aufgeboten für diesen Anlass ist in der Pfarrkirche St. Karl ein insgesamt 120-köpfiges Ensemble.  Foto: Jurmann

Chor- und Orgeltage-Festival feierte mit rund tausend Besuchern sein 25-Jahr-Jubiläum.

HOHENEMS. (ju) Eindrucksvoller, als es die Chor- und Orgeltage am Wochenende taten, lässt sich für ein Festival, das sich der geistlichen Musik verschrieben hat, ein 25-Jahr-Jubiläum nicht feiern. Rund eintausend Besucher in der Kirche St. Karl sind wohl der beste Beweis für die durch hohe Qualität und religiöse Verankerung vorgegebene Attraktivität des Programms an diesen drei Tagen.

Nach Beeindruckendem mit der ungemein talentierten 17-jährigen Bludenzer Organistin Barbara Salomon und aufregenden Experimenten zwischen Orgel und Handorgel mit Goran Kovacevic und Paolo D’Angelo bildete das Chor- und Orchesterkonzert am Sonntag den heuer besonders spektakulären äußeren Höhepunkt, zugleich auch das geistig verinnerlichte Zentrum dieses Festivals. Aufgeboten für diesen Anlass ist ein insgesamt 120-köpfiges Ensemble. Davon sind über 70 erfahrene Sängerinnen und Sänger der Chorakademie Vorarlberg, mit der man in Hohenems seit ihrem hiesigen Auftreten im Jahr 2011 befreundet ist, dazu die Sinfonietta Vorarlberg. Im Mittelpunkt steht der seit 2007 als Domkapellmeister von St. Stephan in Wien amtierende Markus Landerer (39), der sich auch nach seinem Abgang aus Vorarlberg trotz seiner großen Aufgaben in Wien noch für ein jährliches großes Projekt an seiner früheren Wirkungsstätte jeweils im Jänner Zeit nimmt.

Bruckner-Messe

Zum Jubiläum in Hohenems ließ er sich zu einem außertourlichen Konzert bewegen und hat mit sicherem Instinkt dafür die Sakralmusik Anton Bruckners ausgewählt. Dessen erste große Messe in d-Moll (1864) schien ihm am Beginn in ihrer Strenge und Komplexität das rechte Werk für spirituelle Einkehr zu sein. Nach dieser Läuterung bietet Bruckners spätes „Te Deum“ dazu einen einfacheren, elementaren Gegensatz als jubelndes Gotteslob in höchsten Tönen. Diese unterschiedlichen Ausdrucksansätze vermag Landerer mit seiner total auf ihn eingeschworenen Chorakademie auf höchstem Level imponierend handwerklich allgegenwärtig, stilsicher und geschmackvoll einzulösen. Der Chorklang, wie er ihn etwa in der Friedensbitte der Messe a cappella im Piano modelliert, ist von unglaublicher Schönheit und Reinheit, der auch Bruckners oft abenteuerliche harmonische Fortschreitungen nichts anzuhaben vermögen, ebenso wenig wie extreme Höhenanforderungen für das Sopranregister. Die großen, im Geiste Bachs kontrapunktisch gearbeiteten Aufschwünge und Ausbrüche am Ende von Gloria, Credo und „Te Deum“, die Landerer so liebt und in der großen Akustik bewusst provoziert, lassen in ihrer Strahlkraft die eindrucksvolle Klangarchitektur Bruckners als Pfeiler des Glaubens erstehen und damit den weiten Kirchenraum scheinbar erzittern. Das erlebt man selbst hier selten in solchem Wirkungsgrad, davon bleibt auch niemand unberührt.

Das Orchester steht dem in nichts nach, spielt seinen Part verlässlich, klangschön und dynamisch und hat mit Klaus Nerdinger einen sicheren Konzertmeister und Sologeiger. Die temperamentvolle ungarische Sopranistin Tünde Szabóki, die innig verhaltene israelische Altistin Anna Haase, der gepflegte englische Tenor Stephen Chaundy und der noble deutsche Bass Thomas Dobmeier haben größere Aufgaben erst im „Te Deum“ zu erfüllen, ergeben als routiniertes Quartett aber einen homogenen Eindruck. Das Publikum feiert alle lange und herzlich.