Nicht nur Gewalt und Angst bedrohen das freie Wort

Kultur / 13.10.2015 • 20:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Keine Freiheit: Salman Rushdies Kurzauftritt bei der Buchmesse führte zur Absage von Verlagen aus dem Iran. Foto: Reuters
Keine Freiheit: Salman Rushdies Kurzauftritt bei der Buchmesse führte zur Absage von Verlagen aus dem Iran. Foto: Reuters

Mit flammendem Appell, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, hat Salman Rushdie die Buchmesse gestartet.

Frankfurt/Main. Man kann über alles diskutieren – außer über Meinungsfreiheit: „Die Freiheit des Wortes ist ein universelles Recht der Menschheit“, sagte Salman Rushdie am Dienstag bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. „Ohne diese Freiheit muss jede andere Freiheit scheitern.“ Wie nötig der Kampf um Meinungsfreiheit ist, zeigt allein die Tatsache, dass der Iran aus Protest gegen Rushdies Auftritt die Buchmesse abgesagt hat. In diesem Land war der indischstämmige Autor vor 26 Jahren in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Radikale Muslime hatten sein Buch „Die Satanischen Verse“ als gotteslästerlich empfunden. Die „Fatwa“ wurde bis heute nicht offiziell aufgehoben.

Auch sein neues Buch „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ richte sich indirekt gegen religiöse Werte und Überzeugungen, hatte das iranische Kultusministerium den Rückzug aus Frankfurt begründet. Die Absage habe ihn „sehr enttäuscht“, bekräftigte Buchmessen-Direktor Juergen Boos. „Aber die Freiheit des Wortes ist nicht verhandelbar.“

Rushdie hat eine Reise unterbrochen, um für wenige Stunden in Frankfurt zwischenzulanden. Bescheiden betritt der 68-Jährige durch einen Nebeneingang den überfüllten Presseraum. Sein Platz ist so von Fotografen und Filmteams umlagert, dass die Zuhörer sein Kommen kaum bemerken. Ein zaghafter Versuch, vor der Rede ein Autogramm zu ergattern, wird von den Sicherheitskräften sofort unterbunden.

 Fühlt sich an wie Krieg

„Bücher zu verlegen, ist die Verkörperung der Meinungsfreiheit“, begründet er seinen Blitzbesuch. Dieser Job sei schwerer geworden. „Manchmal fühlt es sich an wie Krieg.“ Nicht nur Gewalt und Angst bedrohten das freie Wort – auch übertriebene „Political Correctness“ sei eine ernst zu nehmende Gefahr. In den USA denke man darüber nach, Bücher mit Warnhinweisen zu versehen, dass die darin enthaltenen Ideen den Leser herausfordern könnten. „Das wäre lustig, wenn es nicht so wenig lustig wäre.“

Die Meinungsfreiheit müsse nicht nur in Diktaturen erkämpft, sondern auch dort verteidigt werden, wo sie so selbstverständlich sei „wie die Luft, die wir atmen“, betont der Booker Prize-Gewinner. „Die mächtigste Gefahr für die Meinungsfreiheit ist die Idee, dass diese Freiheit kulturspezifisch ist: dass sie etwas ist, das wir für richtig halten, aber andere hätten das Recht, das anders zu sehen. Das ist falsch: Meinungsfreiheit ist universell.“

Radikale hätten Angst vor Literatur. „Wenn Sie an eine einzige Version der Wahrheit glauben, und versuchen, diese anderen aufzuzwingen, werden Menschen, die verschiedene Versionen der Wahrheit anbieten, zu Ihren Feinden.“ Aber Literatur sei langlebig, sagt Rushdie und zählt Bücher auf, die allesamt die Diktaturen überlebten, in denen sie verboten waren. „Literatur ist stark, aber Autoren sind schwach. Ihre Leben können zerstört werden, selbst wenn ihre Werke bleiben. Das ist kein großer Trost, wenn man tot ist.“

Dem Buchhandel geht es gut

Der deutsche Buchhandel sieht sich trotz eines leichten Umsatzrückgangs auf einem guten Weg. Bis Ende September sanken die Umsätze im Buchmarkt um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mitteilte. Dies sage über die Marktentwicklung aber nicht viel aus, betonte Vorsteher Heinrich Riethmüller. Dem deutschen Buchmarkt gehe es gut. 2014 lag der Umsatz auf dem deutschen Buchmarkt bei etwa 9,32 Milliarden Euro.

Auf der Buchmesse sind bis
18. Oktober mehr als 7000 Aussteller aus rund 100 Ländern vertreten.