Wenige Bauern, aber ländlich geprägt

14.10.2015 • 19:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Historiker Meinrad Pichler hat den Band 3 zur „Geschichte Vorarlbergs“ verfasst. Foto: VN/Paulitsch
Historiker Meinrad Pichler hat den Band 3 zur „Geschichte Vorarlbergs“ verfasst. Foto: VN/Paulitsch

Historiker Meinrad Pichler porträtiert das „Land Vorarlberg 1861 bis 2015“ und bezieht Stellung.

Bregenz. (VN-cd) „Die Geschichtsschreibung in Vorarlberg hat darunter gelitten, dass viele meinten, Vorarlberg ist nicht gut positioniert und dass man deshalb einiges besonders herausstreichen müsse“, erklärt der Bregenzer Historiker Meinrad Pichler die zum Lokalpatriotismus tendierenden Bilder, die in Nachschlagewerken der Vergangenheit erstellt wurden. Dass gerade in den letzten Jahren sehr viele Publikationen zu unterschiedlichen Themen herausgebracht wurden, macht allein die Literaturliste ersichtlich, die um die 30 Seiten in dem über 400 Seiten starken Band ausmacht, der nun vorgelegt wird und einen Überblick bieten soll: Ins Auge gefasst sind dabei die Jahre 1861 bis 2015. Der Band 3 der „Geschichte Vorarlbergs“ ist somit der Folgeband jener neuen Landesgeschichte, die Landesarchivdirektor Alois Niederstätter initiierte und konzipierte und für die er auch die ersten zwei Bände verfasst hatte.

Der Einschnitt beim Jahr 1861 ist rasch erklärt. Damals gewährte der Kaiser Vorarlberg einen eigenen Landtag. Der Akt der Konstituierung, Wahlverläufe und Regierungsbildungen sind nachzulesen. Grundsätzlich müsse er die Landtagsabgeordneten aber wohl enttäuschen, wird im Gespräch mit dem Fachmann klar, denn das Leben im Land habe das Länderparlament nur marginal geprägt. Da habe der ländliche Raum einen weit größeren Einfluss gehabt bzw. hat ihn immer noch. Pichler: „Vorarlberg zählt inzwischen zu den höchst industrialisierten Landschaften. Außer in Oberösterreich sind in keinem anderen Bundesland so viele Menschen in der Industrie tätig, und trotzdem ist das Bewusstsein der Bevölkerung davon geprägt, dass man in einem ländlichen Raum lebt.“ Die lange Verankerung in der bäuerlichen Struktur führt Pichler darauf zurück, dass die Industriearbeiter sozusagen landwirtschaftlich gelebt haben: „Nehmen sie die Textilindustrie, da haben viele junge Frauen gearbeitet, die in ihrem Selbstverständnis aber bäuerlicher Herkunft waren.“ Eine Fortwirkung dieser Prägung trotz der Bildung einer modernen Gesellschaft mit Single-Haushalten und individuellen Lebensentwürfen sei allerdings immer noch im Trend zum Einfamilienhaus sichtbar: „Der eigene Herr, der selbst wirtschaftet und ja nicht zusammenwohnt mit den anderen, das ist tief verankert. Wenn man in Vorarlberg von einer Grundsteuer spricht, dann gibt es gleich den größten Aufschrei.“

Interessante Analyse

Die bäuerliche Prägung ist insofern eine interessante Analyse, weil die vergleichsweise wenigen Bauern in Vorarlberg ja nicht zur Grundversorgung beitragen. „Die Umstellung auf monokulturelle Milchwirtschaft hat funktioniert. Weil die Milch den Bauern zwar kein hohes, aber ein regelmäßiges Einkommen gesichert hat, man hat ihnen die Milch abgenommen und hat sie subventioniert.“ Den Niedergang der Textilindustrie hat man in Vorarlberg besser bewältigt: „Es gehört sicher zu den größten Leistungen, dass es gelungen ist, das Monopol der Textilindustrie in die Elektro- und Metallindustrie umzuwälzen.“ Der Zuzug von Industriearbeitern und wirtschaftspolitische Entscheidungen hätten da maßgeblich mitgewirkt.

Apropos Politik. Laut Analyse des Historikers (der erwähnt haben will, dass es ein Konzept des Übersichtsbandes ist, die vorliegende, reichhaltige Literatur heranzuziehen), ist die politische Landschaft, die sich im 19. Jahrhundert gebildet hatte, erst nach den 1970er-Jahren bunter geworden. Zuvor gab es das christlich-konservative Lager und das liberale, das deutschnational geworden ist, und schließlich die Sozialdemokraten, die sich zu behaupten versucht haben und heute zu „einer Minderheit verkommen sind“.

Dass Pichler den Ständestaat als Diktatur zeichnet, die später nur davon profitierte, dass eine viel schlimmere Diktatur kam, steht fest. Dass sich die katholische Kirche nach 1945 aus der Politik zurückzog, habe das Funktionieren der Demokratie erleichtert. Abgesehen davon, dass die Veränderung des kulturellen Klimas von unten angestoßen wurde, erinnert Pichler an eine symbolhafte Geschichte. 1968, als der als Jagdfreund bekannte Bruno Wechner zum Diözesanbischof geweiht wurde, hatten einige den Mut, vor dem Dom in Feldkirch Transparente mit der Aufschrift „Weidmannsheil statt Seelenheil?“ zu entfalten: „Unter Katholiken wäre das zuvor undenkbar gewesen.“

Unser Leben in Vorarlberg ist nicht in erster Linie vom Landtag bestimmt. Seine Rolle ist marginal.

Meinrad Pichler

Das Buch wird am Donnerstag,
15. Oktober, 19 Uhr, im Vorarlberg Museum in Bregenz präsentiert.