Die Vorstellung von etwas, das im Auge des Betrachters liegt

Kultur / 15.10.2015 • 20:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anna-Maria Bogner mit ihrem Raum im Raum. Foto: A. Grabher
Anna-Maria Bogner mit ihrem Raum im Raum. Foto: A. Grabher

Im Bildraum Bodensee sind Arbeiten der Tiroler Künstlerin Anna-Maria Bogner zu sehen.

Bregenz. (VN-ag) Die Frage, ob man über die schwarzen Gummibänder, die wie zwei überdimensionale Rahmen zwei Räume verspannen, drübersteigen soll und darf, ist vielleicht die banalste, aber für den Einstieg gar nicht die schlechteste. Denn genau darum, um das subjektive Erleben von Raum, geht es in der Kunst von Anna-Maria Bogner und in ihrer aktuellen Ausstellung im Bildraum Bodensee.

Kommunikationsraum

Die poetischen Fotografien, in denen Anna-Maria Bogner mit Bildern von Landschaft noch vorgefasste Räume zeigt, funktionieren wie ein Köder. Denn im Laufe der Ausstellung ist der Betrachter zunehmend aufgefordert, sich seine eigenen Gedanken über die Konstruktion von Raum, sprich Welt, zu machen. Aber bereits hier, in den S/W-Fotos, für die das Wo und Wann, Ort und Zeit, keine Rolle spielen, macht die Künstlerin dem Besucher im wahrsten Sinn einen Strich durch die Rechnung, durchkreuzt das Bild, indem sie in der obersten Schicht einen Streifen oder Strich abschleift und das Papierweiß darunter freilegt. Formal streng, karg, der konzeptuellen Abstraktion zuzuordnen, geben Weiß und das samtig-satte Schwarz von Pastellkreide auch in den filigranen, geometrisch konstruierten Zeichnungen den Ton an. Angelehnt an die Zentralperspektive, sollen die „Schachtelkonstruktionen“, an deren Beginn für die Künstlerin jeweils Fragestellungen stehen, das dreidimensionale Sehen triggern. Dabei geht es weniger um den physisch erfahrbaren, architektonischen Raum, als vielmehr um den Raum, der „in unserer Kommunikation und Interaktion jeden Tag aufs Neue“ entsteht, so Bogner. Nicht festsetzen, sondern hinterfragen, lautet die Devise von Anna-Maria Bogner, die auch Grenzen und Zwischenräume auszuloten trachtet und in Zeichnung und Objekten immer wieder mit kleinen und größeren Irritationen und Verschiebungen, wie Verdoppelungen oder versetzten Fluchtpunkten, aufwartet.

Im diffusen Licht

Auch für die ortsbezogene Installation mit den schwarzen Gummibändern, die das Masterpiece der Ausstellung darstellt, trifft der Titel „Notion“ zu, den die Künstlerin als „die reine Vorstellung von etwas, das im Auge des Betrachters liegt“ erklärt. Rahmenartig durch die beiden Haupträume gespannt, entsteht Raum im Raum, unantastbar einerseits, zum Durchschreiten herausfordernd andererseits. Begrenzung und Durchlässigkeit bzw. Erweiterung, das Abtrennen und Zerstückeln von Raum bei gleichzeitiger Schaffung und Umverteilung neuer Raumeinheiten, spielen in den komplexen Arbeiten, die stets an das individuelle Erleben des eigenen Körpers gekoppelt sind, ebenso eine Rolle wie philosophische Fragen. Das wird in der letzten Arbeit, als folgerichtigem Schlusspunkt der Ausstellung, deutlich. „Nunc Stans“, das stehende Jetzt, besteht aus der Projektion eines leeren Dias (an jedem Ausstellungstag ein neues Dia, das Tag und Zeit dokumentiert) auf eine weiße Wandfläche. Wo ist die Zeit geblieben, wie lässt sich Erinnerung festhalten? hinterfragt Bogner das Paradoxon der Zeit und des Moments, der sich nicht aufzeichnen lässt, wie dieser Versuch aus diffusem Licht verzweifelt und hoffnungsvoll zugleich, beweist.

Zur Person

Anna-Maria Bogner

Geboren: 1984 in Schwaz/Tirol

Ausbildung: Akademie der Bildenden Künste in Wien

Laufbahn: zahlreiche Ausstellungen, u. a. in Innsbruck, Wien, Berlin, sowie Kunst am Bau-Projekte und Kunst im öffentlichen Raum

Auszeichnungen: u. a. Förderpreis für zeitgenössische Kunst des Landes Tirol 2014

Wohnort: Wien

Die Ausstellung wird im Bildraum Bodensee, Seestraße 2, in Bregenz, am 16. Oktober, 19 Uhr, eröffnet. Dauer der Ausstellung bis 16.Jänner 2016, geöffnet Di und Do, 13 bis 18 Uhr, Fr und Sa, 11 bis 16 Uhr.