Genug für einen Ausnahmeabend

Kultur / 15.10.2015 • 18:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Tatiana Monogarova und Sergei Leiferkus mit dem Münchener Kammerorchester unter dem Dirigenten Alexander Liebreich. Foto: JU
Tatiana Monogarova und Sergei Leiferkus mit dem Münchener Kammerorchester unter dem Dirigenten Alexander Liebreich. Foto: JU

Münchener Kammerorchester gestaltete ein spannendes Konzertprogramm.

DORNBIRN. Da wurde zum Start der Reihe „Dornbirn Klassik“ so manches gängige Klischee aus dem Musikleben glatt auf den Kopf gestellt: eine wiederentdeckte, ungewohnt „wilde“ Haydn-Ouvertüre, ein Münchner Komponist, der sein neuestes Werk mit melodiösen Elementen ausstattet, und eine Symphonie von Schostakowitsch, die nur aus Liedern besteht. Dass die Zuhörer beim Motto „Isolation, Einsamkeit und Tod“ nicht in die Depression getrieben werden, sondern in Jubelstürme ausbrechen, ist der hinreißenden Wiedergabe zu danken.

Aufgeboten ist dafür das exzellente Münchener Kammerorchester. Ein Ensemble mit einer intensiv mitgestaltenden, komplexen Streichergruppe als Kern, die mit Haut und Haaren auf ihren Chef Alexander Liebreich eingeschworen ist. Dieser spürt minutiös vielfältigen Situationen nach, legt mit einfachen, klaren Bewegungen jedes anfallende Problem offen. Und deren gibt es genug, gleich beim einleitenden Haydn, dessen Ouvertüre zum ausgegrabenen Singspiel „Die unbewohnte Insel“ Elemente der Sturm-und-Drang-Periode freisetzt. Die aufwühlend gespielte Dramatik eines Schiffbruchs in dieser „Robinson-Crusoe“-Story will so gar nicht ins Bild vom gemütlichen „Papa Haydn“ passen. Von hartem Kontrast dazu dann die kurze dreiteilige Suite „Rakastava“, in der der Finne Jean Sibelius in seiner nordisch spröden Tonsprache Sehnsucht und Abschiedsschmerz von Liebenden schildert. In ihrer Düsterkeit mit tiefen Streichern und ruhelos kleinräumigen Motiven anrührend, bleibt am Ende doch ein Funken Hoffnung.

Eine Entdeckung

Mit dem türkischstämmigen Münchner Atac Sezer (36) lernt man einen Zeitgenossen kennen, für den Isolation Ausdruck einer aufs Wesentliche konzentrierten Arbeit ist. Sein „Toned melisma silver print“ ist von der künstlerischen Schwarz-Weiß-Fotografie inspiriert, die er ganz bewusst in obertonlastigem Farbreichtum schillern lässt, wenn sich wie beim Entwickeln melodische Linien in den Streichergruppen herausbilden. Tonale Einschübe ermöglichen dabei eine gute Verständlichkeit. Das auf neue Musik spezialisierte Orchester verwendet für eine penible Realisierung dieser Komposition besondere Aufmerksamkeit, der anwesende Komponist wird nach dieser Uraufführung vom Publikum herzlich gefeiert.

Zum künstlerischen Glanzpunkt aber wird die späte Symphonie Nr. 14 in g-Moll von Dmitri Schostakowitsch, eine Reihe von Totenliedern nach Texten namhafter Autoren wie Lorca, Apollinaire oder Rilke. Für die aufwühlend extravertierten Gesangspartien hat man zwei russische Künstler verpflichtet, die Sopranistin Tatiana Monogarova und den Bassisten Sergei Leiferkus, die mit ihrer typisch kehligen Stimmfärbung, ihrer Spannweite und einem grandiosen Ausdrucksvermögen ein hohes Maß an Authentizität einbringen. Mit Bravour verwirklicht die um Schlagwerk und Celesta erweiterte Streicherbesetzung unter Liebreich die geniale, kontrastreiche Instrumentation Schostakowitschs zwischen beißendem Sarkasmus und der kalten Schönheit des Todes – genug für einen Ausnahmeabend!

Nächstes Konzert bei Dornbirn Klassik im Kulturhaus: 25. November, 19.30 Uhr, Brodsky Quartet (Schumann, Schostakowitsch, Uraufführung von Thomas Thurnher)