Beifall im Takt des rasenden Herzens

Kultur / 16.10.2015 • 20:55 Uhr / 12 Minuten Lesezeit

Kaum erkennbar durchzieht ein Riss den Teebeutel. Fein geriebene Teeblätter säumen den Boden ihrer Tasse. Sie rührt und rührt und starrt auf die Titelseite der Tageszeitung. 56 Tote bei Zugunglück im Pariser Bahnhof Gare de Lyon. Marisa fühlt sich unbehaglich.

„Da hab ich ja Glück“, lächelt Moritz ihren Vater an, „dass wir nicht mehr in Zeiten leben, in denen ich dich fragen hätte müssen.“ Dann lacht er entspannt auf und lehnt sich weit über den Esstisch, als wollte er dem mürrischen Mann auf die Schulter klopfen.

„Du bist ja noch nicht einmal fertig mit deiner Ausbildung“, sagt ihr Vater und blättert in einem Aktenordner.

„Papa!“, entfährt es ihr. „Du tust ja grad so, als würde ich nicht arbeiten.“

Mutter setzt sich an den Tisch und zündet sich eine Zigarette an. „Als Praktikantin in einer Redaktion“, sagt sie kalt. „Was soll denn das? Die nehmen dich doch nie. Und wo ihr wohnt, das sind doch keine Zustände! Kennt ihr euch überhaupt gut genug? Und davon wollt ihr leben, von der Fotografiererei?“

„Der da“, tippt Moritz lächelnd auf das Foto mit der zerstörten Zuggarnitur, „kann sicher davon leben.“

„Wir leben seit zwei Jahren ganz gut in dieser Wohnung“, sagt Marisa trotzig.

„Und wir bleiben ja nicht ewig dort“, ergänzt Moritz.

Marisas Vater entnimmt der Mappe einen Zettel und reicht ihn seiner Tochter. „Da“, sagt er. „Das kann ich euch geben. Ich dachte, es wird noch mehr, aber ihr habt es ja so eilig.“

Sie überfliegt das Dokument und liest einen wohltuenden Betrag. „Danke, Papa“, sagt sie leise. „Aber den Onkel Walter müsst ihr einladen“, antwortet der Vater.

„Wir werden nur ganz klein heiraten“, sagt sie.

„Wir müssen ja sparen“, schmunzelt Moritz. Marisa wirft ihm einen strengen Blick zu.

„Hab ich’s dir doch gesagt“, zischt ihre Mutter.

Es herrscht Schweigen. Marisas Mutter starrt Marisa an. „Der Onkel Walter würde dir etwas Schönes schenken“, sagt sie dann.

„Darum geht es doch nicht“, flüstert Marisa traurig und starrt auf den Betrag.

„Wir dachten an die engsten Verwandten und Freunde“, bemerkt Moritz. „Kein Brimborium, vielleicht dreißig Leute.“

„Jede Frau mag Brimborium“, sagt ihre Mutter. „Von Brimborium kann es nie genug geben, wenn es stimmt mit dem Heiraten.“

„Ich bin doch nicht jede Frau“, sagt Marisa. „Und was heißt das? Wenn es stimmt mit dem Heiraten?“

„Den Onkel Walter müsst ihr einladen“, sagt ihr Vater, „sonst kann ich euch nicht helfen.“

Der Vater nimmt das Stück Papier und legt es in seine Aktenmappe zurück, schließt den Deckel, steht auf und räumt die Mappe in den Schrank. Moritz lacht. Marisa weiß, er kann nicht anders.

„Da gibt es nichts zu lachen!“, wird ihr Vater laut. „Ständig lachst du! Was gibt es denn dauernd zu lachen!?“

„Ich freue mich, weil wir heiraten, entschuldige“, lächelt Moritz betroffen.

„Du lachst dauernd“, sagt ihr Vater. „Das ist mir nicht geheuer. Menschen, die dauernd lachen, haben etwas zu verbergen.“

„Papa!“ Marisa fühlt sich schwindlig, möchte gehen. Moritz legt seine Hand wieder auf ihren Unterarm, streichelt sie.

„Nein!“, sagt der Vater laut und wendet ihnen den Rücken zu, starrt aus dem Fenster. „Ich bin nicht einverstanden, so geht das nicht! Den Onkel Walter müsst ihr einladen und die Cousins – und vergiss ja nicht auf die Tante Elvira!“

„Wer ist Elvira?“

„Die Stiefschwester von Oma Grete“, zischt ihre Mutter. „Die kennst du doch!“

„Nein“, sagt Marisa leise.

„Das geht sich dann aber nicht aus“, sagt Moritz.

„Was?“, zischt die Mutter. „Was geht sich da nicht aus?“

„Dass sie die Tante ist, als Stiefschwester der Oma“, lacht Moritz.

Marisa schüttelt den Kopf und zieht ihren Unterarm weg. Moritz weiß, dass er nicht zu weit gehen soll, und lächelt Marisa entschuldigend an.

„Es wird schon“, versucht Moritz den Vater zu beschwichtigen. „Wirst sehen, wir machen das schon. Ich rede dummes Zeug, dabei möchten wir doch nur, dass ihr euch ein bisschen freut.“ Noch weiß er nicht, dass er ihren Vater niemals dazu bewegen wird, sich über etwas zu freuen. Überhaupt, weiß er bald nach der Hochzeit, zweifeln Marisas Eltern stets an allen ihren Leistungen.

„Ja, ja“, murrt ihr Vater. „Ihr macht das schon, sagt ihr. Das sagt sich so leicht, und dann geht alles in die Brüche.“

„Ist bei euch ja auch nicht in die Brüche gegangen“, sagt Moritz.

„Das ist etwas anderes, das waren andere Zeiten“, sagt ihre Mutter.

„Von Generation zu Generation hört man immer wieder das Gleiche“, sagt Marisa.

„Ja“, ätzt ihr Vater. „Du weißt das! Du bist ja so gescheit!“

Als sie im Auto sitzen, kann Marisa ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. „Und ich Idiotin dachte tatsächlich, sie freuen sich ein bisschen.“

Kleine Staubflocken nisten sich in den Ritzen des schmiedeeisernen Balkongeländers ein. Ich sollte abstauben, denkt Marisa und überlegt, womit sie in die kleinen Ritzen reicht. Mit Wattestäbchen vielleicht. So eine Biederkeit!, denkt sie lächelnd. Ein Gitter abstauben!

Marisa mag ihren winzigen Balkon, das Wohnzimmer dahinter, angefüllt mit Schnitzereien aus Malawi und dem Grödnertal, die Schalen mit Steinen, die sie mit Max gesammelt hat, das Klavier in der Ecke und die Tiffany-Lampen auf der Kommode. Sie mag die Couch vom Flohmarkt und die Zierpolster mit den kleinen Perlen. Sie mag das wackelige Bücherregal.

Ihre Mutter hat Marmorkuchen mitgebracht. Auch das mag sie. Und Max, der Besuch hat von seinem Nachbarn Felix. Das alles mag sie. Sie mag es besonders, wenn ihr inzwischen fast sechsjähriger Max lacht. Und auch, wenn er sich in die Haare gerät mit Felix. Sie mag sein Zimmer voller Legosteine und die Zimmerdecke voller Flieger. Eine Rauchschwade zieht in Richtung Balkontür. Sie steht auf und schließt sie.

„Was lachst du?“, fragt ihre Mutter prompt.

„Ich denke daran, wieder mehr zu arbeiten“, sagt Marisa. „Die zehn Stunden sind mir zu wenig und Max ist jeden Vormittag im Kindergarten. Da geht mehr.“

„Aha“, hört sie ihre Mutter ausstoßen und weiß um die Paarung des Seufzers mit Zweifeln am Verdienst ihres Mannes.

„Nein“, sagt sie deshalb, „nicht, weil Moritz zu wenig verdient, sicher nicht – im Gegenteil: Es läuft hervorragend bei ihm …“ Marisa steckt sich ein Stück Marmorkuchen in den Mund. „… hervorragend, Mama – The Snowboarder’s Journal bringt eine Fotostrecke von ihm, und seine Ärzte-ohne-Grenzen-Reise nach Ghana wird im National Geographic Traveler zu sehen sein. Ich bin sehr stolz auf ihn.“

„Hab ich etwas gesagt?“, sagt ihre Mutter und bläst den Rauch als dünnen Faden in die Luft. „Mir sagt das nichts.“

„Genau deswegen …“

„Na also, was fährst du mich dann an!? Der Papa …“

„… ist seit einem Jahr tot“, fällt Marisa ihrer Mutter ins Wort. Sie weiß, was kommt und möchte es nicht hören. Die Mutter zitiert ihn, wann immer sie ihn braucht. „Wir kaufen uns ein Apartment“, sagt Marisa. „In den Bergen. Gar nicht weit, sechs Stunden von hier.“

„Was wollt ihr mit einem Apartment?“, fragt die Mutter und zieht an der Zigarette.

„Ski fahren“, sagt sie und dämpft ihre Zigarette aus.

„Ski fahren!“, ruft die Mutter aus. „Und dafür braucht es gleich ein Apartment?!“

„Oder wandern“, sagt Marisa und spürt die aufkeimende Wut.

„Wandern?!“, schreit die Mutter. „Als ob ihr so viel wandert!“

„Wir wandern oft“, antwortet Marisa. Es gelingt ihr nicht, gelassen zu wirken.

„Ihr wandert einen Scheißdreck!“, sagt die Mutter laut und zieht an ihrer Zigarette.

Seit Vater tot ist, denkt Marisa, wird sie immer vulgärer. „Das geht dich ja eigentlich auch gar nichts an“, sagt Marisa und nestelt an den Kräutern herum.

„Wandern!“, zischt die Mutter und schüttelt den Kopf. „Na, da hättest du dir von Papa was anhören können! – Schwammerl suchen! – Als ob ihr hungert! Du weißt ja gar nicht, was Hunger ist! Wir haben noch Pilze suchen gehen müssen! Müssen! Kein Entkommen hat’s gegeben, wir haben in den Wald gehen müssen …“

Max kommt auf den Balkon, schaut seine Großmutter unsicher an und bittet Marisa, zwei Legosteine zu trennen.

„Na ja“, hört Marisa ihre Mutter schnippisch resümieren, „ihr müsst es ja wissen.“

Marisa reicht Max die Legosteine und küsst ihn auf die Stirn.

Die monströse Halfpipe macht ihr Sorgen. Der Sprecher kündigt einen spektakulären Durchgang an, was ihre Nervosität nur noch weiter steigert. Sie beobachtet Moritz, der den Kurs durch sein Teleobjektiv abfährt und an der Belichtung herumhantiert. Ein Pistenfahrzeug schiebt den Schnee der vergangenen Nacht auf einen Hügel. Bald darauf vollführt der erste aus der Gruppe der Vierzehnjährigen ein paar Spins und Flips, bis er nach einem Salto auf seinem Gesicht landet. Ein lautes „Ooh!“ erfüllt den Zielraum. Als er aufsteht und die Hand hebt, ertönt Applaus. Seine Wange blutet. „Um Gottes willen!“, hört sie sich ausstoßen.

Natürlich lacht Moritz entspannt.

„Hör auf“, schmunzelt sie und boxt ihn, worauf er noch mehr lacht. „Das ist ja furchtbar“, sagt sie. „Was da alles passieren kann! Die sind doch alle verrückt.“

„Ja, ja“, nickt er lächelnd. „Jedes Jahr kratzen sie die Toten aus dem eisigen Schnee. Oder sie warten auf den Frühling, bis sie von selber ausapern.“

„Du und dein Sarkasmus“, sagt sie. „Immer machst du dich lustig über mich.“

Moritz küsst ihre kalte Wange. Von jedem der Snowboarder knipst er kleine Fotostrecken.

Im nächsten Moment ist Max in der Halfpipe. Er macht es den anderen gleich, springt hoch in die Luft, dreht und windet sich, schlägt Saltos, dreht Schrauben. Gott sei Dank sturzfrei, denkt Marisa. In ihren dicken Handschuhen applaudiert sie im Takt ihres rasenden Herzens.

Keine Zeile wäre sie wert gewesen, ihre Geschichte. Ein vollkommen gewöhnliches Leben einer vollkommen gewöhnlichen Redakteurin. Vollkommen gewöhnliche Menschen, sie alle.

Gewöhnliche Biografien. Während sie applaudieren, als Max seine Medaille in Empfang nimmt und fröhlich lacht, weiß Marisa noch nicht, dass ihr Sohn nur noch zwei Wochen am Leben sein wird. Und auch ihr Leben, das gelebte, wird erlöschen. Moritz wird zurückbleiben. Er wird verloren sein.

Zur Person

Rainer Juriatti

Geboren: 1964 in Bludenz

Publikationen: Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Tageszeitungen sowie „47 Minuten und 11Sekunden im Leben der Marie Bender“ , „ Die gedehnte Zeit“, „Lachdiebe“, „Spaghettifresser“, „Strandschatten“

Wohnort: lebt seit 2011 mit seiner Familie in Graz

Rainer Juriatti: „Strandschatten“, Roman, 176 Seiten, Verlag Limbus. Das Buch kommt am 19. Oktober in den Handel.