Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Handwerk im Schaufenster

16.10.2015 • 20:32 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Was unterscheidet die Handwerker im Bregenzerwald von anderen? Warum war es möglich, hier ein zentrales Gebäude für ihre Anliegen und die Präsentation ihrer Arbeiten zu bekommen? Warum stellte sich einer der wichtigsten Architekten der Gegenwart, Peter Zumthor, von sich aus für die Planung des Werkraumhauses in Andelsbuch zur Verfügung und schuf damit einen Archetypus, den es in dieser Form noch nicht gegeben hat? Und warum schließlich schaffen es die Handwerker, alle drei Jahre eine besondere Ausstellung, Handwerk + Form, auf die Beine zu stellen, die die Massen nach Andelsbuch lockt?

Die Antworten auf diese Fragen können sehr komplex ausfallen, sie können aber vielleicht auch viel einfacher gesehen werden, wenn man etwa dem Obmann des Werkraumes Bregenzerwald, Martin Bereuter, folgt: „Das Überwinden des marktwirtschaftlichen Konkurrenzprinzips zugunsten einer gemeinsamen Plattform des Austausches und der Entwicklung ist zu einem Grundsatz für unsere Arbeit im Werkraum geworden.“ So steht es im Katalog zur Ausstellung Handwerk + Form, die noch dieses Wochenende an verschiedenen Plätzen in Andelsbuch zu sehen ist.

Nicht nur solches Denken ist unter Handwerkern bemerkenswert, auch die eigentliche Ausstellung ist das. Weit über hundert Arbeiten werden an acht Orten, meist in alten Handwerksbetrieben, gezeigt. Zehn Stücke wurden von einer internationalen Jury mit Auszeichnungen, elf mit Anerkennungen und 14 mit Belobigungen bedacht. Das Besondere: Jeder Handwerker muss seine Einreichung gemeinsam mit einem Designer entworfen haben – das bringt Ideen ins Handwerk, die sonst wahrscheinlich nicht zu erreichen wären. Der ehemalige Leiter der Wirtschaftsredaktion der „Neuen Zürcher“, Gerhard Schwarz, meint zum Werkraum: „Statt über Kleinheit und regionale Enge zu jammern, haben die Handwerker daraus Trümpfe gezimmert. Die Kleinheit erlaubt Flexibilität und das Eingehen auf individuelle Wünsche.“ Damit ist nicht alles über den Erfolg erklärt, aber vieles. Dazu kommt die Bereitschaft, über die eigene Grenze hinauszugehen, im Fall von Handwerk + Form mit Entwerfern auch außerhalb des Landes zu arbeiten. Das öffnet nicht nur Möglichkeiten, sondern bringt auch Kontakte, die zu neuen Ergebnissen und wohl auch Absatzmärkten führen können. Handwerk + Form ist ein Schaufenster, das nicht zuletzt in diese Richtung zeigt.

Nicht nur solches Denken ist unter Handwerkern bemerkenswert, auch die eigentliche Ausstellung ist das.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.