Sorge wegen der Renationalisierung

Kultur / 16.10.2015 • 22:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Europa steckt, so Kermani, in einer geistigen Krise. Foto: EPA
Europa steckt, so Kermani, in einer geistigen Krise. Foto: EPA

Navid Kermani erhält am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Frankfurt/Main. Navid Kermani und seinem Schaffen kann ein einziger Begriff gar nicht richtig gerecht werden: Der 47-Jährige ist Schriftsteller und habilitierter Orientalist. Er ist der bekannteste muslimische Intellektuelle des Landes – und als Mittler zwischen dem westlichen und nahöstlichen Kulturkreis und den Religionen hochgeschätzt. An diesem Sonntag wird er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Kermani, 1967 in Siegen geboren, mag selbst gerne den Begriff „Les-Schreiber“. Der stammt von seiner Tochter, als sie zwei Jahre alt war. Sehr treffend, findet Kermani. „Ich lese und ich schreibe.“ Und er verfügt über eine Wachheit, die ihn zu einem Solitär als Autor und moralische Instanz in Deutschland macht.

„Es geht in der Literatur darum, dem Chaos, der Zufälligkeit in der wir leben, einen Sinn zu verleihen“, ist sein Wahlspruch. Einer seiner Lieblingsschriftsteller ist der deutsche Dichter Jean Paul (1763–1825), dessen Fabulierlust schon Goethe mit „Tausendundeiner Nacht“ verglich. Ein Epos fast vergleichbaren Umfangs hat Kermani mit seinem 1200-Seiten-Werk „Dein Name“ (2011) geliefert. Es ist eine Mischung aus Tagebuch, Erzählung und Gesellschaftsanalyse.

Bewundert Kirchenkunst

Der seit Langem in Köln lebende Kermani kann aber auch mit leichter Feder Romane schreiben wie „Große Liebe“ (2014), in dem es um die erotischen Abenteuer eines Pubertierenden im pietistischen Siegen geht. Zugleich verknüpft er die Geschichte des Heranwachsenden originell mit der arabisch-persischen Mystik. In seinem jüngsten Buch „Ungläubiges Staunen“ (2015) outet sich Kermani als großer Bewunderer der katholischen Kirchenkunst. Als Reiseschriftsteller hat er bereits 1989 Syrien mit dem Rucksack bereist und war von der Gastfreundlichkeit der Menschen begeistert. Den Westen sieht er mit einer großzügigen Aufnahme der Flüchtlinge in der Pflicht. Er verlangt eine neue europäische Einwanderungspolitik, räumt aber ein, über keine Patentrezepte in der Flüchtlingskrise zu verfügen. Im Widerstreit mit vor allem in Deutschland zu beobachtenden Offenheit gegenüber Fremden sieht Kermani einen wachsenden Nationalismus und Egoismus in ganz Europa. Die Renationalisierung sei besorgniserregend. Europa stecke in einer tiefen geistigen Krise. Das Flüchtlingsproblem zeige erneut, „wie zerstritten und unsolidarisch Europa ist“.

Kermanis Eltern kamen 1959 aus dem Iran nach Deutschland. Der Vater, ein Arzt, hat die Familie mit vielen Nachtdiensten über Wasser gehalten.

Es geht in der Literatur darum, dem Chaos, der Zufälligkeit in der wir leben, einen Sinn zu verleihen.

Navid Kermani

Der Friedenspreis wird zum Finale der Buchmesse am 18. Oktober in der Paulskirche in Frankfurt verliehen.