Diese Stimme würde uns fehlen

Kultur / 19.10.2015 • 18:31 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Meer“ als Minimal Music am Schauspielhaus. Foto: Horn
„Meer“ als Minimal Music am Schauspielhaus. Foto: Horn

Stummelsätze, Pausen, bei aller Wortkargheit viele Wiederholungen – ja, so tönt nur das Theater von Jon Fosse.

Zürich. (VN-tb) Seine Stücke sind wesentlich Sprach(losigkeits)kompositionen, Minimal Music für namenlose menschliche Instrumente, Kammerspiele für Archetypen. Das gilt auch für „Meer“, entstanden 2006, wo sechs Figuren in einem Kräftefeld von wechselnder Anziehung und Abstoßung agieren und reagieren. Eine melancholisch getönte Meditation über Liebe, Kommunikationsnot und Angst, Hiersein und Verlust. Und über die Frage, mit welchem Schiff und auf welchem „Meer“ wir überhaupt durchs Leben schippern.

Am Schauspielhaus Zürich hat jetzt die Regisseurin Barbara Frey genau hingehorcht auf den musikalischen Wellenschlag in „Meer“. Die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner lässt das Stück in seiner deutschsprachigen Erstaufführung im Pfauen in einem Kunstmuseum spielen: Ja, auch luftiger Theaterkunst tut eine gewisse Erdung gut, auf dass Metaphorisches sich nicht im Irgendwie-Nirgendwo auflöse. Und mit mehreren identischen Repliken des Ölgemäldes eines holländischen Altmeisters von einer Flussmündung verweist schon das Bühnenbild auf ein surrealistisches Sowohl-als-auch von Weltenraum und Weltinnenraum.

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In diesem in Rainer Küngs einfallsreich aufspielender Lichtregie manchmal warmtönig gehaltenem, manchmal auch etwas frösteln machendem Setting lässt Frey das Personal in unaufgeregt-alltagsnahen Kostümen wunderbar hellhörig sprechmusizieren – von der solistischen Verlautbarung bis zum Gemurmel im Sextett.

Alle scheinen sich hier zu suchen. Und alle laborieren an Erinnerungsschwächen, vermögen sich sehr oft nicht einmal zu sehen. Endgültig aufschlüsseln lässt sich das Ganze nicht. Frey schreibt uns nichts vor, ohne dabei je beliebig zu werden. Das Bedauern darüber, dass die Figuren einander und sich selbst verpassen, wird nicht beschönigt. Es kommt zu anrührenden Momenten von Zärtlichkeit. Humor wird freigespielt, das Ganze choreografisch aufgefächert. Ein „Lied ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy setzt dezente musikalische Farbtupfer. Und immer wieder starren die Gestalten auf die auf den Stücktitel verweisenden Wasserbilder, die am Ende nochmals aufleuchten.

Wird Jon Fosse uns nach 33 Stücken keine Theaterrätsel mehr aufgeben? Mit der Uraufführung 2014 von „Meer“ in Norwegen solle Schluss sein mit neuen Fosseschen Sprechbühnenstücken, war zu vernehmen. Diese Theaterstimme würde uns fehlen.

Weitere Aufführung vom 20. Oktober bis 12. November (ca. 70 Minuten): www.schauspielhaus.ch