Zum Querdenken angeregt

Kultur / 19.10.2015 • 18:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Christoph Indrist, Percussion; Gerda Poppa und Michael Fliri, Orgel; Lukas Nußbaumer, Sopransaxophon. Foto: JU
Christoph Indrist, Percussion; Gerda Poppa und Michael Fliri, Orgel; Lukas Nußbaumer, Sopransaxophon. Foto: JU

Michael Floredos neues Kammermusikwerk wurde in Rankweil gefeiert.

RANKWEIL. Das ist der Stoff, aus dem diese Konzerte gemacht sind: geistliche Ausrichtung, heimische Künstler und ein Anteil an neuer Musik, die in solcher Dosierung nicht aneckt. Mit diesem seit Jahren gültigen Erfolgsrezept füllen die Kuratoren der Rankweiler Reihe, Hermann Kert und Jürgen Deuble, die Basilika fast immer, so zuletzt am Sonntag.

Der Abend bietet ein Musterbeispiel für diese selbstverordnete Profilierung und behält deshalb auch sein hohes Spannungsniveau, das sich schon aus der ungewöhnlichen Instrumentenkombination ergibt. Mit Christoph Indrist an Marimba und Percussion, Lukas Nußbaumer, Saxophon, und der Basilika-Organistin Gerda Poppa an der Pflüger-Orgel zeigen drei bewährte Könner ihre Meisterschaft mit einer Fülle von Klangerlebnissen. Das stilistisch breite Programm unter dem Motto „Rosarium Musicum“ ist dem „Rosenkranz-Monat“ Oktober verpflichtet und bietet dazu auch konkrete Beispiele wie im versonnenen „Jesus, den Du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast“ für Saxophon und Orgel des französischen Blasmusikkomponisten Eugène Bozza.

Bach auf Saxophon

Das Programm regt wache Geister aber ebenso zum Querdenken an. Wenn etwa Nußbaumer vier Sätze aus Bachs erster Cello-Suite solo auf seinem Altsaxophon spielt und damit auf einem Instrument, das zur Entstehungszeit des Werks noch gar nicht erfunden war, ergibt das faszinierende Klangeindrücke, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat. Auch die Wirkung eines im Altarraum postierten Marimbaphons mit seinem skelettartig hölzernen Klang verblüfft, wenn es so virtuos wie von Indrist mit vier oder sogar sechs Schlägeln zugleich in einem Divertimento von Akira Yuyama mit dem Saxophon korrespondiert oder in einem kleinen „Gebet“ der gehörlosen Evelyn Glennie einen Hauch Meditation verströmt. Poppas Solodarbietungen an der Orgel mit wunderbar phrasierten und hübsch registrierten Werken von Buxtehude und Guilmant sind quasi die musikalischen Grundfesten.

Am meisten gefordert werden die drei Musiker im abschließend uraufgeführten Auftragswerk des Altacher Komponisten Michael Floredo (48). Sein Stück „Kontemplation: Geist – Nicht Geist“ hat klanglich und gestalterisch nicht mehr viel mit seiner zuletzt mehrfach aufgeführten Orgelsymphonie für drei Organisten zu tun, aber doch so viel, dass Floredos überschäumende Einfälle für das neue Werk immerhin einen zweiten Organisten in der Person von Michael Fliri für die Ausführung des Orgelparts erforderlich machten. Das Werk ist sehr inwendig und gläubig angelegt und der besonderen Akustik des Raumes angeglichen, ein präzise gearbeitetes und ebenso ausgeführtes Stimmengeflecht aus kleinräumigem Motivmaterial, das sich verdichtet, verinnerlicht, virtuos aufbäumt und durch klanglich effektvolle Einsprengsel das besondere Interesse beim Publikum weckt. Glocken, Gong und Glockenspiel entwickeln überirdische Assoziationen, das Sopransaxophon schwingt sich zum Gebet in höchste Höhen auf, die Orgel symbolisiert mit tänzerischen Passagen und silberhellem Geklingel den Geist, bis alles in einem überraschend kurzen, explosiven Schluss mit Clustern kulminiert: großer Beifall für die Mitwirkenden und den Komponisten.