„Hauptsächlich durften Bürgerinnen nämlich nichts“

Kultur / 21.10.2015 • 21:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Liebespaar mit Katze“ von Kokoschka. Foto: Belvedere
„Liebespaar mit Katze“ von Kokoschka. Foto: Belvedere

Frauen spielen bei Klimt, Schiele und Kokoschka eine zentrale Rolle. Dem widmet sich das Belvedere.

Wien. „Klimt, Schiele, Kokoschka und die Frauen“ sei grundsätzlich eine naheliegende Auseinandersetzung mit den drei österreichischen Künstlern. „Es ist erstaunlich, dass es eine solche Ausstellung noch nicht gegeben hat, sind Frauen doch ein zentrales Motiv für sie“, unterstrich Kuratorin Jane Kallir vor der Eröffnung am gestrigen Mittwoch. Und vor allem die Art der Darstellung war zur Entstehungszeit etlicher der Werke keine alltägliche: Dem gesellschaftlichen Aufbruch Anfang des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt durch Einflüsse von Darwin oder Freud, war auch eine Neuorientierung betreffend der Geschlechterrollen geschuldet.„Es gab viele harte Kämpfe für die Frauen des Bürgertums“, fügte Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei. „Wenn man sich überlegt, was Frauen vor 100 Jahren alles nicht durften. Hauptsächlich durften sie nämlich nichts.“ Doch sukzessive veränderte sich dies und wurde ein neues Licht auf Frauen geworfen – wenngleich nicht ohne etliche kritische Stimmen. Was die Kunst betrifft, so gab es vor allem zwei vorherrschende Narrative: Die Frau als Madonna oder Hure. Diese Dichotomie wurde bei Klimt, Schiele und Kokoschka aufgebrochen. „So wurde etwa Mütterlichkeit mit Sexualität verwoben, was vorher als Tabu galt“, erläuterte Kallir. Einen einheitlichen Zugang weisen die drei Malerfürsten allerdings nicht auf. Während Klimt in seiner typischen Manier die Frauen „verornamentisierte“ und damit abstrahierte, wie es Kurator Alfred Weidinger beschrieb, gab es bei Schiele eine ganz andere Annäherung im Vergleich zu diesem „ästhetischen, sinnlichen Ansatz“. Er gestand seinen Modellen durchaus ihre sexuelle Autonomie zu. Und Kokoschka? „Der hat die Frauen sowieso nicht verstanden“, bemerkte Weidinger.

Frauenbewegung

Nun soll die Ausstellung aber keineswegs nur eine Sammlung „schöner Bilder“ sein, wie Weidinger zu verstehen gab. Nicht zuletzt die Frauenbewegung, deren wesentliche Stationen etwa in einem Zwischenraum angeführt sind, spiele für das Verständnis eine wesentliche Rolle. „Ohne diese Frage geht es nicht.“ Außerdem müsse berücksichtigt werden, dass sich Besucheransprüche in den vergangenen Jahren verändert hätten, weshalb Kontext und Erläuterung an Bedeutung gewonnen hätten. „Was man hier erkennt, ist die Reaktion der Künstler auf diese Entwicklungen“, sagte Nobelpreisträger Eric Kandel, der am gestrigen Eröffnungsabend auftrat. „Klimt hatte beispielsweise vier Bände Darwins zuhause – und wer kann das schon von sich behaupten?“ Kunst also im wechselseitigen Einfluss mit Gesellschaft und Wissenschaft.

„Die Umarmung“ von Schiele.
„Eugenia Primavesi“ von Klimt.

Geöffnet bis 28. Februar im Unteren Belvedere, täglich 10 bis 18 Uhr, Mi, 10 bis 21 Uhr:
www.belvedere.at