Rettungsringe aus Beton, die Grabkränze werden können

Kultur / 22.10.2015 • 19:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Martecut“, der 17-minütige produktionsreflexive Film von Ainara Elgoibar, wurde in der Firma Glas Marte gedreht.  Foto: Elgoirbar
„Martecut“, der 17-minütige produktionsreflexive Film von Ainara Elgoibar, wurde in der Firma Glas Marte gedreht.  Foto: Elgoirbar

Im Rahmen des Bilbao-Künstleraustausches sind Ainara Elgoibar und Manuel Casellas bei Lisi Hämmerle.

BREGENZ. (VN-ag) Alle Jahre wieder, im Herbst, findet das von der Kulturabteilung des Landes geförderte Künstler-Austauschprogramm mit der spanischen Stiftung Bilbao Arte statt. Während im Rahmen der bereits neunten Auflage des Stipendienaufenthaltes die beiden Vorarlberger Künstler Eva Maria Kees und Bernhard Garnicnig im Baskenland sind, haben Ainara Elgoibar und Manuel Casellas die vergangenen beiden Monate im Ländle gearbeitet.

Hände und Augen

Mit einem Stück Glas, golden beschichtet, einem Miniatur-Architektur-Modell dreier gläserner Türme und einer ziemlich konkreten Idee sind die beiden spanischen Künstler nach Vorarlberg gekommen. Ein Videofilm und Objekte in Beton, ab heute in der Galerie Lisi Hämmerle in Bregenz zu sehen, sind die konkreten Resultate dieses künstlerischen Austausches, der von Kirsten Helfrich kuratiert wird. „Martecut“, der 17-minütige produktionsreflexive Film von Ainara Elgoibar (geboren 1975), wurde in der Firma Glas Marte gedreht und basiert auf der Videoarbeit „Gold 20“ von 2014, die die Künstlerin in einer spanischen Glasproduktionsstätte aufgenommen hat, wo das golden schimmernde Sonnenschutzglas hergestellt wird, das nur 20 Prozent der Strahlen durchlässt (deswegen der Titel) und in der modernen Architektur zur Anwendung kommt. Das in Spanien in weitgehend automatisierten und anonymisierten maschinellen Prozessen hergestellte Glas wurde in Bregenz zugeschnitten und in die gewünschten Einzelteile zerlegt. Diesen Vorgang dokumentiert Ainara Elgoibar, fasziniert von der Handarbeit und der hohen handwerklichen Präzision im Betrieb, und verschiebt damit unseren Blickwinkel auf modernes Design, Zusammenhänge und Fragen der Produktion.

Mensch und Technik

Das Kunstwerk wird zwar maschinell geschaffen, aber dass hinter den Hightechgeräten Menschen agieren, wird aus den Aufnahmen, die häufig Hände und Augen in Großaufnahme zeigen, deutlich. Sieht man in diesen Tagen Rettungsringe, denkt man unweigerlich an die Flüchtlingsboote im Mittelmeer und die damit verbundenen Schicksale und Tragödien.

Diese Bilder, scheinbar plakativ, in Verbindung mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen seiner Heimat, hatte auch Manuel Casellas (geboren 1979), der aus Südspanien stammt und die Situation aus nächster Nähe kennt, vor Augen, als er seine Werkreihe mit dem metaphorischen Titel „Shelter from the Storm“ begann. In Bregenz sind drei Rettungsringe aus Beton entstanden, die durch ihre Materialität den Traum von der Reise in ein besseres Leben ad absurdum führen und zum Albtraum werden lassen. Auf dem Boden liegend, in hölzernen Kisten präsentiert, haben die Reifen auch etwas von Grabkränzen.

Das schwache Licht einer blinkenden Lampe oszilliert zwischen Partystimmung und dem Notrufsignal SOS. Wir sind hier und das Problem ist weit weg, flüstert uns das Licht zu. Aber es mahnt auch, dass, während wir im geschützten Raum über Kunst sprechen, vielleicht jemand unsere Hilfe braucht.

Ainara Elgoibar und Manuel Casellas haben die letzten beiden Monate in Vorarlberg gearbeitet. Foto: A. Grabher
Ainara Elgoibar und Manuel Casellas haben die letzten beiden Monate in Vorarlberg gearbeitet. Foto: A. Grabher

Die Ausstellung wird heute, Freitag, 23. Oktober, 19 Uhr in der Galerie Lisi Hämmerle, Anton-Schneider-Straße 4a, in Bregenz, eröffnet. Geöffnet bis 29. Oktober, Mo bis Sa, 17 bis 20 Uhr