Eine steile Kletterpartie zu Glück und Unglück

Kultur / 29.10.2015 • 22:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Adelheid Bräu und Daniel Fratisek Kamen in „Magazin des Glücks“ im Kleinen Haus am Bregenzer Kornmarkt. Foto: LT/Köhler
Adelheid Bräu und Daniel Fratisek Kamen in „Magazin des Glücks“ im Kleinen Haus am Bregenzer Kornmarkt. Foto: LT/Köhler

Dass ein Setzkasten kein Spießeraccessoire sein muss, zeigte sich auch gestern Abend.

Christa Dietrich

Bregenz. Stücke von Dea Loher fordern nicht nur die Schauspieler, die umfangreiche Textpassagen, oft auch Monologe und abgeschnittene Sätze zu bewältigen haben, sie motivieren auch Regisseure und Ausstatter zu höchst unkonventionellen Lösungen. So baute etwa Andreas Kriegenburg für „Diebe“ eine riesiges Mühl- bzw. Schaufelrad auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin. War eine Szene durchgespielt, setzte es sich in Bewegung und kippte die Akteure einfach raus.

„Magazin des Glücks“ ist nahezu gleich umfangreich oder sogar noch wuchtiger als dieser Textbrocken. Die Aufgliederung in sieben Einzelstücke lässt jedoch die Umsetzung in Teilen zu. Abend für Abend erfolgte einst die Uraufführung, Brocken für Brocken haben sich verschiedene Bühnen herausgebrochen und so begegnet man den Texten auch immer wieder irgendwo auf den Spielplänen. Wer die Region bereiste, fand einige davon beispielsweise in Zürich.

Drei hat sich das Vorarlberger Landestheater nun ausgesucht. Obwohl sie personenarm angelegt sind, ist die Thematik derart umfangreich und tiefgreifend, dass man sie nicht unbedingt ins kleine Haus am Bregenzer Kornmarkt zwingen müsste. Dort erlebte das Publikum in unmittelbarem Kontakt mit zwei Schauspielern gestern jedenfalls einen intensiven Abend. Von Kriegenburgs Idee mit dem Schaufelrad sicher wissend, ließ sich die junge Regisseurin Nina Stix gemeinsam mit ihrem Ausstatter Frank Albert jedenfalls nicht lumpen. Drehbar ist nichts in diesem beengten Raum; wo aber horizontale Ausbreitung sowieso nicht möglich ist, geht man in die Höhe.

Eine großartige Idee, die es zulässt, bei der Schilderung eines Projekts beim Interieur zu beginnen. Auf einen riesigen Setzkasten blickt das Publikum schon beim Betreten des Raumes. Einweckgläser stehen da, gefüllt mit einem Gebiss, mit Geld, einem Gehirn, einer Eieruhr oder ganz profan mit Gewürzgurken. Zum Requisit werden die Dinge ja durchaus, und wenn die Zähne einer Verstorbenen einmal an eine Zahnlose weitergereicht werden, dann ist das Symbol genauso stark wie die traurige Realität, die eins zu eins vom Gesprochenen zum Bild wird.

Ein Sog

Mit „Licht“, „Samurai“ und „Sanka“ wurden drei Texte aus dem Siebenteiler gewählt. Adelheid Bräu und Daniel Frantisek Kamen spielen sämtliche Figuren, Regiekonzept und Ausstattung sorgen für dichte Verzahnung. In Weiß gekleidet, schlüpfen die Akteure aus ihren Setzkastenwaben, um später wieder darin zu verschwinden. Dieses Regal wird geschmeidig beklettert, als gäbe es keine Schwerkraft, und so wie steile Auf- und Abstiege keine Hindernisse zu sein scheinen, so werden auch Erzähl- und Spielszenen ineinander verwoben. Ehe man sich versieht, ist man mit hineingeschlüpft. Bei allen schaurigen, unheimlichen (und auch humorvollen) Aspekten setzt die Regie nicht auf den Effekt, sondern auf den Sog. Nicht banal, sondern mit Bräu und Kamen schlichtweg grandios.

Da ist in „Licht“ die Frau des Politikers, die in Deutschland vermutlich weitere Assoziationen freisetzt als wenn der zum Begleitobjekt degradierte Teil eines Duos hier eine allgemeine Befindlichkeit schildert. Da ist der Pförtner in „Samurai“, der „Unersetzbare“, dessen Selbstzweifel einen Höhepunkt erreichen, weil er einmal aus Versehen nicht pünktlich den Dienst antritt. Und da sind die beiden Sanitäter in „Sanka“, die die steilste Kletterpartie in diesem Trachten nach Glück – oder nennen wir es einfach Überleben – hinlegen und kleingeistig zu großen Monstern heranwachsen.

Gesamte Farbpalette

Schales oder Grellbuntes untereinander zu mischen, damit hat die bekannte deutsche Schriftstellerin Dea Loher (geb. 1964) keine Probleme. Das Team am Landestheater kennt sie auch nicht. Reinweiß sind Bühne und Kostüme, knapp eineinhalb Stunden hat man als Zuseher die gesamte Farbpalette im Kopf. Ein kurzer Abend, der einiges abverlangt, der aber nicht nur lange nachwirkt, sondern wohl auch länger auf dem Spielplan bleiben dürfte als vorerst vorgesehen. 

Weitere Aufführungen des Stücks am 4. und 20. November sowie am 2. und 17. Dezember, jeweils 19.30 Uhr am Vorarlberger Landestheater.