Unterstützung darin, wofür das Herz schlägt

Kultur / 30.10.2015 • 20:51 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Elke von Linde mit dem ehemaligen indischen Straßenkind Freeda. Foto: TaS/Linde
Elke von Linde mit dem ehemaligen indischen Straßenkind Freeda. Foto: TaS/Linde

Elke von Linde hat die Potenziale junger Menschen aus aller Welt erkundet.

Feldkirch. (VN) Im Rahmen der Reihe „Projekte der Hoffnung – Alternative Nobelpreisträger im Gespräch“, die Marielle Manahl in Vorarlberg ausrichtet, werden immer wieder Dokumentarfilme zu den Themen Menschenrechte, Umweltschutz, Zukunftsvisionen in den Kulturinitiativen der Region gezeigt. Im Theater am Saumarkt präsentiert die in Deutschland lebende österreichische Filmemacherin Elke von Linde (62) ihre Dokumentation „Part Time Kings“, ein Filmprojekt, zu dem sie über Jahre hinweg junge Leute in verschiedenen Teilen der Welt nach ihren Vorstellungen zur Zukunft befragt hat.

Lässt sich in ein paar Worten zusammenfassen, was Sie über Jahre recherchiert und festgehalten haben? Welche Träume, Hoffnungen, Visionen und Potenziale hat diese nächste Generation?

Von Linde: Ganz wichtig war allen ein Miteinander und Frieden, das Recht auf Selbstbestimmung und Unterstützung darin, wofür ihr Herz schlägt. Dieses Soseindürfen, was den Kern und ihr Potenzial ausmachen, ist der Hauptmotor für eine gesunde und optimale Entwicklung.

Wie geht man als Filmemacherin vor, wenn man von jungen Menschen Aussagen über ihre Wertvorstellungen haben möchte?

Von Linde: Indem ich eine Zeit mit ihnen lebte und erst Vertrauen aufbaute. Vor jedem Interview haben wir uns energetisch eingestimmt und kein Interview wurde in welcher Weise auch immer manipuliert, durch Zeitdruck beendet, zwei Mal geführt oder in eine Richtung manövriert. Township-Jugendliche in Südamerika öffneten sich völlig und eine Botschaft war: Egal, wo du durch musst, vergiss nie, es gibt immer einen Weg da raus.

Sehen Kinder oder Jugendliche die Welt mit anderen Augen? Unterscheiden sie sich von den Wünschen und Visionen von Erwachsenen?

Von Linde: Ich würde es nicht naiv nennen, sondern unschuldig, erstaunlich reflektiert, sehr offen und aus der reinen Seele gesprochen, unbekümmert war kaum dabei. Die Wünsche gingen viel weiter in die Zukunft, sie nannten keine kurzfristigen Ziele und hatten in den meisten Fällen die Einbeziehung des kollektiven Wohles stark im Vordergrund. Ein einziger vierjähriger Junge in Bangalore wollte einen Porsche und ein Motorrad. Auf die Frage aber, wer oder was er denn einmal als Erwachsener sein wolle, sagte er wie aus der Pistole geschossen:
a human being.

Welche Zukunftsvisionen haben die Kinder in Afrika und Asien?

Von Linde: In Südafrika deklamierte ein Mädchen, Shirmoney Rhode, uns ihr Gedicht, das sie mit zwölf Jahren geschrieben hatte: „Leben, um ich zu sein/ Leben, um frei zu sein/ Für mehr Hoffnung/ Und zwar für meine, für niemanden sonst/ Lass mich meine Grenzen und Träume erweitern/ Lass mich spüren, dass ich lebe/ Ich kam, um mich selbst zu befreien von den Lügen der Welt/ Von Armut, Missbrauch, Hass/ Du weißt selbst, wovon ich spreche./ Lass mich im Hier und Jetzt leben,/ nicht erst für ein Morgen.“ In Afrika ging es in den Interviews in der Hauptsache um Gewalt, Rassentrennung und Aids, in Indien hauptsächlich um die Schulbildung und die anhaltende Katastrophe von etwa 137 Millionen Kinderarbeitern, obwohl per Gesetz jedes Kind bis zu seinem 14. Lebensjahr die Schule besuchen müsste. Kinder arbeiten noch immer wie Sklaven in Haushalten. Viele Kinder haben erst in der Born-Free-Art-Schule erfahren, dass es noch etwas anderes für sie geben könnte als zu arbeiten. Niemand hatte ihnen gesagt, dass sie eigentlich in die Schule gehören. Das Wichtigste, was Kinder hier spüren, ist, dass Armut kein Stigma ist. Dass es Mittel und Wege aus der Hoffnungslosigkeit gibt.

Welche Visionen haben die Kinder in Europa? Gibt es gemeinsame Zukunftsvisionen, unabhängig von sozialem Hintergrund, von Religion oder Nationalität der Kinder?

Von Linde: In Deutschland standen Umweltfragen und mehr Zeit der Eltern für ihre Kinder auf dem „Programm“. Ein besonderes Anliegen ist ihnen aber auch der Tierschutz. Natürlich sind die Bedürfnisse unserer Kinder und Jugendlichen verschieden zu denen, die ich in Indien, Südafrika oder Kolumbien getroffen habe, aber es war erstaunlich, dass das Verantwortungsgefühl unserer Jugend etwas zur Veränderung oder zu einer besseren Zukunft beizutragen, stark zu spüren war. Religiöse Unterschiede kamen so gut wie gar nicht zum Vorschein. Ich wusste nicht einmal immer, welcher Religion die Jugendlichen angehörten.

Gibt es die überbordende Fantasie von Kindern im Zeitalter der neuen Medien und virtuellen sozialen Plattformen noch?

Von Linde: Ihre Statements hatten weniger mit überbordender Fantasie als mit konkreten Vorschlägen für eine lebenswertere Zukunft zu tun. Vor Malala Yousufzaihat, der Friedensnobelpreisträgerin von 2014 , hat schon die erst 17-jährige Freeda, ein ehemaliges indisches Straßenkind, gesagt: „Wenn Kinder, statt zu arbeiten, Papier und Stift in die Hand nehmen und lernen dürfen, dann können sie ihre Familien wirklich aus der Armut retten.“ Die Vernetzungen auf den sozialen Plattformen habe ich in vielen Fällen als sehr nützlich für den Austausch von Bedürfnissen und Aktionen, gemeinsamen Gefühlen und Mitgefühl erlebt.

Die Vernetzung auf den sozialen Plattformen habe ich in vielen Fällen als sehr nützlich erlebt.

Elke von Linde

3. November, 10 und 20.15 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch, „Part Time Kings“, Film von Elke von Linde. Anschließend Gespräch mit der Regisseurin.