Zeugen des tiefgreifenden Übergangs

Kultur / 30.10.2015 • 19:23 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Franz Josef Elsensohn und sein Gattin Sarah Marshall mit Kindern.  Foto: Archiv Pichler
Franz Josef Elsensohn und sein Gattin Sarah Marshall mit Kindern.  Foto: Archiv Pichler

Grabsteine sagen oft mehr, als ihre Form und Beschriftung erahnen lassen.

Meinrad Pichler

Bregenz. In allen Kulturen werden Übergangssituationen im Menschenleben mit bestimmten Ritualen begleitet. Das betrifft die Geburt ebenso wie die gesellschaftliche Initiation und die Verpartnerung. Eine besondere rituelle Würdigung findet überall der Tod, weil er den tiefgreifendsten Übergang markiert und weil die Toten geehrt und die Hinterbliebenen in ihrer Trauer begleitet werden sollen. Eine der sichtbaren Erinnerungen an die Verstorbenen bilden die Gräber, die je nach Kultur unterschiedlich gestaltet werden. In unseren Breiten verweisen die Grabsteine und ihre Positionierung in vielen Fällen nicht nur auf die Lebensdaten der im Tode vorausgegangenen Familienmitglieder, sondern oft auch auf den sozialen Status der Familie. Die einheitliche Anbringung von eisernen Grabkreuzen wie etwa am Friedhof von Schwarzenberg zielt unter anderem darauf ab, die Menschen im Tode gleich zu machen.

Mit noch mehr kulturellem Symbolgehalt aufgeladen sind die Gräber von Migrant(inn)en, weil hier oft die Herkunftskultur in einer gewissen Rivalität zu den Anforderungen des Neulandes steht. Gräber von Migrant(inn)en legen ein beredtes Zeugnis darüber ab, in welcher der beiden Kulturen die jeweiligen Verstorbenen sich zu Lebzeiten vornehmlich bewegt haben und in welcher der beiden Lebenswelten die überlebenden Angehörigen diese verortet sehen wollten.

Auch die Tausenden von Vorarlberger(innen)n, die in den Jahrzehnten zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg nach Amerika ausgewandert sind, lebten zwischen zwei Welten. Wer allerdings die Chancen, die das Zuwanderungsland bot, nutzen wollte, musste Englisch lernen und den Alltag weitgehend nach den amerikanischen Gepflogenheiten ausrichten. Viele taten sich dabei schwer und wollten ihr österreichisches Leben in Amerika, so gut es eben ging, weiterführen. Eine landsmännische Umgebung mit deutschsprachigen Arbeitgebern, Geschäften und Vereinen machte das an vielen Orten möglich. Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg war Deutsch nicht mehr gefragt, weder als Sprache, noch als Tugendkatalog und auch kaum mehr in der sanften Form der „Bier-Gemütlichkeit“. Die Gräber zeigen diese einschneidende Veränderung, den Misskredit, in den plötzlich alles Deutsche geraten war. Auch die Vorarlberger Auswanderer(innen) ließen von nun an ihre Grabsteine Englisch beschriften.In den Jahrzehnten zuvor findet sich eine Vielfalt an Grabinschriften und Sterbebildchen, die sich in der Bandbreite zwischen ausschließlich Deutsch bis gänzlich Englisch bewegen. Auch die Grabsteine selbst sind oft interessante Mischformen: angloamerikanische Stelen mit deutscher Beschriftung. Die kulturelle Zweigleisigkeit zeigt sich auch in sprachlichen Mischformen.

Eine besondere Auffälligkeit bilden jene Totendenkmäler, in denen die Angehörigen durch eine ausführliche Herkunftsbeschreibung der Toten auf die starke Rückbindung zur alten Heimat verweisen möchten.

Die amerikanischen Gräber dokumentieren auch die sozialen Unterschiede in der amerikanischen Demokratie: Zum einen durch ihre Größe und künstlerische Gestaltung, zum anderen dadurch, dass kein Grab von aufgestiegenen, reich gewordenen Vorarlbergern eine deutschsprachige Inschrift trägt. Die wirtschaftlich Erfolgreichen waren samt und sonders Amerikaner geworden; im landsmannschaftlichen Ghetto gab es zwar eine bescheidene soziale Sicherheit, aber keine Erfüllung des amerikanischen Traums. Grabsteine sagen oft mehr, als ihre Form und Beschriftung bisweilen erahnen lassen. Grabsteine von Migrant(inn)en reden in verschiedenen Sprachen und sagen viel über diejenigen, die sie gesetzt haben.

Johann Michael Kohler. Dem rastlosen Industriepionier Johann Michael Kohler aus Schnepfau (1844-1900) widmeten die amerikanischen Nachkommen eine Bank aus Marmor als letzte Ruhestätte.

Johann Michael Kohler. Dem rastlosen Industriepionier Johann Michael Kohler aus Schnepfau (1844-1900) widmeten die amerikanischen Nachkommen eine Bank aus Marmor als letzte Ruhestätte.

Bernhard Sinz. Auf dem katholischen Friedhof von Xenia/Ohio befindet sich das Grab von Bernhard Sinz und seiner Frau Kreszenzia Immler. Nur wenige Nachkommen nahmen es mit der Herkunft ihrer Eltern so genau.

Bernhard Sinz. Auf dem katholischen Friedhof von Xenia/Ohio befindet sich das Grab von Bernhard Sinz und seiner Frau Kreszenzia Immler. Nur wenige Nachkommen nahmen es mit der Herkunft ihrer Eltern so genau.

Kasper Schwarzle.  Für englische Zungen schwer aussprechbare Namen wurden oft vereinfacht. Der aus Dornbirn stammende Bierkutscher Kaspar Schwärzler war in Dubuque/Iowa von seinem Bock gestürzt und hatte sich dabei tödliche Verletzungen zugezogen (Sterbezettel).

Kasper Schwarzle. Für englische Zungen schwer aussprechbare Namen wurden oft vereinfacht. Der aus Dornbirn stammende Bierkutscher Kaspar Schwärzler war in Dubuque/Iowa von seinem Bock gestürzt und hatte sich dabei tödliche Verletzungen zugezogen (Sterbezettel).

Franz Martin Drexel. Mausoleum der Familie des zum Bankier aufgestiegenen Dornbirners Franz Martin Drexel (1792-1863) in Philadelphia.

Franz Martin Drexel. Mausoleum der Familie des zum Bankier aufgestiegenen Dornbirners Franz Martin Drexel (1792-1863) in Philadelphia.

Josef Anton Hauber. Als Pfarrer einer deutschspachigen katholischen Gemeinde auf Long Island blieb Josef Hauber aus Hörbranz seiner Sprache treu bis ins Grab.

Josef Anton Hauber. Als Pfarrer einer deutschspachigen katholischen Gemeinde auf Long Island blieb Josef Hauber aus Hörbranz seiner Sprache treu bis ins Grab.

Maria Gassner. Frau Gassner hatte die ersten 25 Jahre ihres Lebens in Mellau, die restlichen 57 als Farmersfrau in ihrer neuen Heimat Colorado zugebracht. Trotzdem blieben sie und ihre Kinder weitgehend deutschsprachig.

Maria Gassner. Frau Gassner hatte die ersten 25 Jahre ihres Lebens in Mellau, die restlichen 57 als Farmersfrau in ihrer neuen Heimat Colorado zugebracht. Trotzdem blieben sie und ihre Kinder weitgehend deutschsprachig.

Martin Rein. Herr Rein führte ein bescheidenes Leben als Störschneider bei den deutschen Farmern in Iowa; er blieb Zeit seines Lebens arm und deutschsprachig.

Martin Rein. Herr Rein führte ein bescheidenes Leben als Störschneider bei den deutschen Farmern in Iowa; er blieb Zeit seines Lebens arm und deutschsprachig.

Franz Josef Ellensohn. Nach dem Ersten Weltkrieg finden sich nur noch englischsprachige Grabsteine. Angesichts der Kriegsgegnerschaft wollten die Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern nicht als zweifelhafte Patrioten erscheinen. Dass Franz Josef Elsensohn aus Zug auch seinen Vornamen anglikanisierte, verdankt er vermutlich seiner englischsprachigen Frau.

Franz Josef Ellensohn. Nach dem Ersten Weltkrieg finden sich nur noch englischsprachige Grabsteine. Angesichts der Kriegsgegnerschaft wollten die Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern nicht als zweifelhafte Patrioten erscheinen. Dass Franz Josef Elsensohn aus Zug auch seinen Vornamen anglikanisierte, verdankt er vermutlich seiner englischsprachigen Frau.

Ignatz Grabher. Wie die Familien­angehörigen des Ignatz Grabherr konnten die meisten Einwanderer nach Jahren in Amerika zwischen den Sprachen switchen. Der junge Hohenemser war wenige Jahre nach seiner Ankunft in New York beim Baden ertrunken.

Ignatz Grabher.
Wie die Familien­angehörigen des Ignatz Grabherr konnten die meisten Einwanderer nach Jahren in Amerika zwischen den Sprachen switchen. Der junge Hohenemser war wenige Jahre nach seiner Ankunft in New York beim Baden ertrunken.