Die Jungen öffnen Türen

02.11.2015 • 21:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Produktion „Through the Open Door“ wurde über Monate mit minderjährigen Flüchtlingen in Österreich erarbeitet. Foto: Tanz ist
Die Produktion „Through the Open Door“ wurde über Monate mit minderjährigen Flüchtlingen in Österreich erarbeitet. Foto: Tanz ist

„Through the Open Door“ macht das „Tanz ist“-Festival besonders brisant.

Dornbirn. (VN-cd) „Für mich zählt die Qualität“, erklärt Günter Marinelli. Der Vorarlberger Tänzer und Choreograf hat das „Tanz ist“-Festival begründet und sorgt seit geraumer Zeit jeweils zwei Mal pro Jahr für aufschlussreiche Einblicke in die internationale Szene. Ein besonderer Aspekt ist, dass die Ensembles nicht nur am Spielboden auftreten, sondern auf vielfältige Weise in Kontakt mit dem Publikum treten. Zuletzt standen die Tänzer für Workshops bzw. Meisterklassen zur Verfügung, im Rahmen der am Mittwoch beginnenden „Tanz ist“-Serie werden spezielle Schulaufführungen mit Diskussionsrunden angeboten.

Und das hat auch einen spezifischen Grund. „Throug the Open Door“ ist nicht einfach eine Tanzproduktion. Darrel Toulon, von 2001 bis 2015 Ballettdirektor der Grazer Oper, hat über Monate mit jungen Menschen ein Stück erarbeitet. Sie stammen aus Ruanda, Pakistan, Gambia, dem Iran oder Afghanistan und wurden damals als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Graz aufgenommen. Vorkenntnisse im Bereich Tanz waren zum Teil vorhanden, grundsätzlich zeigt sich hier allerdings, welches hohe Niveau junge Menschen bei entsprechend professioneller Anleitung erreichen.

Lauter Lebensgeschichten

Marinelli: „Es ist kein Sozialprojekt, ich weiß, wie gut Darrel Toulon ist und mir ging es auch darum, diese Arbeit einem weiteren Publikum bekannt zu machen.“ Der Choreograf hat die jeweiligen Lebensgeschichten mit den Protagonisten gemeinsam in die Sprache des Tanzes übersetzt. Die Musik konnten die jungen Akteure selbst bestimmen bzw. auswählen. Neben der Reflexion nimmt die eigentliche künstlerische Arbeit somit breiten Raum ein. Nach Aufführungen in Graz und weiteren Orten in der Steiermark geht die Produktion erstmals auf eine größere Reise. Das Engagement von Marinelli zeigt nun auch entsprechende Wirkung. Während es um „Through the Open Door“ wieder still geworden wäre, haben sich zu den Aufführungen in Dornbirn nun Vertreter der Basler Tanzszene angesagt, auch Mitarbeiter des Festspielhauses in St. Pölten (wo man sich bekanntermaßen gezielt dem Tanz widmet) werden die Produktion in Vorarlberg ansehen.

Angst und Ausgrenzung, aber auch Solidarität und Mut sind die Themen in „Through the Opern Door“, die eine Klammer zu einem weiteren Projekt im Rahmen von „Tanz ist“ bilden. In „Sons of Sissy“ wirft der Oberösterreicher Simon Mayer seinen Blick auf Tradition und Heimat. Mayer zählt, so Günter Marinelli, zu den interessantesten Choreografen, die Österreich zurzeit aufzubieten hat. Er war an der Wiener Staatsoper ebenso tätig wie unter Anne Teresa Keersmaeker, und er macht in diesem Fall auf unwiderstehliche Art klar, dass selbst Schuhplatteln kein Spezifikum im Alpenraum ist.

Zukunft ist offen

Wer mit Günter Marinelli die Zukunft von „Tanz ist“ erörtern will, schneidet zurzeit ein eher unangenehmes Thema an. Während man im Land die Qualität und Notwendigkeit des Festivals längst erkannt hat, erweist sich der Bund wieder einmal als kein verlässlicher Partner. Dort setzt man zwar auf das Beiratsystem, einen Tanzbeirat gibt es allerdings nicht, im Gremium für die darstellende Kunst, das Subventionsvergaben empfiehlt, haben die meisten keine Kenntnisse über den Tanz.

Es handelt sich nicht um ein Sozialprojekt. Das Stück hat enorme künstlerische Qualität.

Günter Martinelli

Das „Tanz ist“-Festival am Dornbirner Spielboden findet vom 3. (Vortrag) bis 7. November statt: www.spielboden.at