Eine gute Entscheidung

02.11.2015 • 21:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Manchmal braucht gut Ding wirklich Weile, aber wenn es so weit ist, kann Eile nicht schaden. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Bundespräsident Karl Renner für ein Haus der österreichischen Geschichte ein. Daraus wurde ein kleiner Schauraum, der nicht lange Bestand hatte. Seitdem zogen viele Vorschläge, Debatten und Studien ins Land, zuletzt gab die Regierung Gusenbauer und Molterer ein Konzept in Auftrag, dessen Umsetzung bis heute auf sich warten lässt. Als Kulturminister Ostermayer nun ankündigte, das seit 20 Jahren diskutierte Haus der Geschichte in der Hofburg realisieren zu wollen und damit eine in der Politik mittlerweile fast ausgestorbene Tugend, nämlich Entscheidungsfreude zeigte, meldete sich ein – wie könnte es in Österreich auch anders sein – als Widerstand und Kritik getarnter Lobbyismus.

Da werden kleinliche und eigennützige Bedenken vorgebracht, die Sammlung alter Musikinstrumente, derzeit im Marmorsaal und der Beletage der Hofburg untergebracht und eine nur mäßig besuchte Domäne für Spezialisten, dürfe dem Haus der Geschichte nicht weichen. Da solle doch lieber das Haus der Geschichte dezentral über die Stadt verstreut werden, am besten so gut auf verschiedene Gebäude verteilt werden, dass es keiner mehr findet. Andere fantasieren von einem Haus der Zukunft, eine Idee, die mehr an einen Expo-Pavillon der Tourismuswerbung als an ein seriöses Museum erinnert. Da klingt wohl die Sehnsucht nach nationalen Gutwetterprognosen anstelle einer Aufarbeitung von Geschichte durch.

Und manche würden das Haus am liebsten ins Heeresgeschichtliche Museum im Arsenal auslagern und dort verschwinden lassen. Zuletzt wurde auch die Idee eines Neubaus bei der Hofburg aufs Tapet gebracht, was angesichts der klammen Finanzsituation der Republik und denkmalschützerischer Einschränkungen einem Verschieben auf den St. Nimmerleinstag gleichkäme.

Dabei ist das vorliegende Konzept überzeugend. Ein interaktives, multimediales Zentrum für Zeitgeschichte auf 3000 m2. Ein Museum im Sinne des italienischen Philosophen Gianni Vattimo, ein „centro di animazione culturale“, ein lebendiges, beseeltes Museum für Jung und Alt, ein Haus an einem Ort, an dem österreichische Geschichte geschrieben wurde. Und dies in Nachbarschaft mit dem Weltmuseum, dem Ephesusmuseum, der wunderbaren Hof- und Rüstkammer und dem „Hitlerbalkon“ (von dem Hitler seine Rede zur „Heimholung Österreichs ins Reich“ vor einer unübersehbaren, jubelnden Menge hielt). Die Federführung bei der Planung soll der erfahrene Historiker Oliver Rathkolb innehaben. Um Personal- und Kostensynergien zu erzielen, soll das Management des Hauses der Geschichte Johanna Rachinger, der tüchtigen Direktorin der Nationalbibliothek, übergeben werden. Die Eröffnung ist für 2018 geplant. Herr Minister, lassen Sie sich nicht beirren! Ihre Entscheidung für ein gutes Projekt lohnt sich.

Da klingt wohl die Sehnsucht nach nationalen Gutwetterprognosen anstelle einer Aufarbeitung von Geschichte durch.

gerald.matt@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet
an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.