Paris bleibt eine schöne Fantasie

03.11.2015 • 19:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„La Bohème“ wurde in Zürich neu inszeniert.  Oper/Schlosser
„La Bohème“ wurde in Zürich neu inszeniert. Oper/Schlosser

Statt in einer kalten Mansardenwohnung befinden wir uns in einem schlecht geheizten Theatersaal.

Zürich. (VN-tb) Dem Norweger Ole Anders Tandberg gelingt es im ersten Bild von Giacomo Puccinis „La Bohème“ immerhin sehr gut, die Komik freizuspielen, die der Komponist und seine Librettisten da hineingelegt haben. Die vier Bohemiens wollen ein Theaterstück zur Aufführung bringen. Paris wird fürs zweite Bild wenigstens herbeifantasiert: Der Poet Rodolfo, trunken von seiner Begegnung mit der Stickerin Mimì, träumt vom Künstlerleben in der französischen Hauptstadt und vom großen Erfolg.

Der Übergang zwischen Wirklichkeit und Traumsequenz überzeugt indes nicht. Und fast surrealistische Bildfindungen mit von Theaterschnee überzuckerten Tannenbäumen, einem Napoleon und Rodin-„Denker“ sowie einem bonbonbunten Mummenschanz der einstudierten Choristen entlarven sich als fauler dekorativer Zauber. Dass die Chormitglieder verschiedenste Persönlichkeiten verkörpern, die den Pariser Bohème-Mythos geprägt haben, ist kaum mehr als gut gemeinte Fleißarbeit. Das Theaterspiel im Volkshaus soll, überdeutlich, vom künstlerischen Schwächeln der Bohemiens künden, lenkt aber von Wesentlicherem ab. Gerade in diesem Bild wird dann doch deutlich erfahrbar, wie stark diese Oper eigentlich ist, wenn man ihr vertraut.

Musikalisch durchwachsen

Der italienische Dirigent Giampaolo Bisanti ließ die Philharmonia Zürich manchmal zu laut aufrauschen; etwas mehr Contenance in der Dynamik hätte gut getan. Der Amerikaner Michael Fabiano gab seiner kraftvollen Tenorstimme schon am Anfang die Sporen und sang auch danach noch oft mit einem leicht übersteuerten Forte-Druck. Dass Fabiano einiges kann und auch beseelte lyrische Kantilenen zu formen vermag, wurde freilich auch hörbar. Noch etwas überzeugender schlug sich die gleichfalls mit einem kraftbegabten Organ ausgestattete chinesische Sopranistin Guanqun Yu in der Rolle der Mimì.

Es bleibt das Fazit: Wer einen derart bekannten Longseller des Repertoires heute noch überzeugend, ja vielleicht sogar mit Mehrwert, auf die Bühne bringen und in Klang überführen will, muss sich sehr warm anziehen.

Aufführungen vorerst bis 28. November: www.opernhaus.ch