Ein Architekt und ein Bildhauer auf Spurensuche

05.11.2015 • 19:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Begleitet wird die Schau von Martin und Werner Feiersinger von einem bestens gestalteten Buch, das auch ein Nachschlagewerk ist. Foto: VN/Steurer
Begleitet wird die Schau von Martin und Werner Feiersinger von einem bestens gestalteten Buch, das auch ein Nachschlagewerk ist. Foto: VN/Steurer

Martin und Werner Feiersinger spüren der vergessenen Nachkriegsarchitektur in Oberitalien nach.

DORNBIRN. (VN-ag) Es ist eine Wiederentdeckung in Bildern, in Fotos, genauer gesagt, die in der Ausstellung „ITALOMODERN 1“ im Vorarlberger Architektur Institut in Dornbirn die in Vergessenheit geratene Nachkriegsarchitektur in Oberitalien in Erinnerung zu rufen. Zu verdanken ist diese Bestandsaufnahme, die weit über das Dokumentarische hinausgeht, dem aus Brixlegg in Tirol stammenden Brüderpaar Martin und Werner Feiersinger, die ihre Recherchen vor rund elf Jahren aufgenommen haben.

Nach dem Wiederaufbau

Am Anfang stand der Zufall Pate. Martin (geboren 1961, Architekt) und Werner (geboren 1966, Bildhauer) Feiersinger entdeckten 2004 auf der Rückfahrt von einer gemeinsamen Studienreise mit der in Mailand in den 1950ern erbauten Chiesa Mater Misericordiae der Architekten Angelo Mangiarotti und Bruno Morassutti quasi die Spitze eines Eisbergs. Fasziniert vom vergleichsweise nüchternen sakralen Raum, dem kristallinen Objekt mit der Zugangsrampe und dem diffusen Licht im Innenraum, begannen die Brüder daraufhin ihre ausgedehnten Recherchen nach eigenwilligen, charaktervollen Bauwerken, die nach Abschluss der notwendigsten Wiederaufbauarbeiten in der Nachkriegszeit entstanden sind. Bücher und Zeitschriften der Fünfziger- bis Siebzigerjahre wurden intensiv durchforscht, der norditalienische Raum fast expeditionsartig regelmäßig bereist.

Martin und Werner Feiersinger waren aber nicht nur auf der Suche nach Objekten der sogenannten zweiten klassischen Moderne, sondern nach Bauten aus jener Zeit des wirtschaftlichen und kulturellen Aufbruchs zwischen 1946 und 1976, die den aus heutiger Sicht zuweilen fast naiv anmutenden Glauben an die architektonische Gestaltbarkeit sowohl der Zukunft als auch der Gesellschaft verkörpern. Inmitten all der gegensätzlichen Gruppierungen und des Stilpluralismus der Nachkriegszeit, dem Nebeneinander von Neorealisten, Rationalisten, Brutalisten und Organikern, bewahren sich Feiersingers, unbelastet von den Dogmen der in Italien stark wirksamen Architekturschulen, ihren ganz eigenen Blick auf die Dinge.

„Durch und durch ein Feiersinger-Projekt“, so Verena Konrad, vai-Direktorin, zeichnet genau diese besondere Art des Sehens die Feiersinger‘sche Untersuchung aus. Mittlerweile nicht mehr thematisch, sondern chronologisch gegliedert, handelt es sich nicht um eine streng wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern vielmehr um ein Sichtbarmachen von Qualität in einer Materialsammlung, die 30 Jahre architektonische Zeitgeschichte umfasst und „eine Phänomenologie des Heterogenen, die in ihrer Mehrdeutigkeit und Ambivalenz einmalig ist“ (Arno Ritter), darstellt. Als Brüderpaar einerseits, als Architekt und Bildhauer andererseits, nähern sich Martin und Werner Feiersinger dem Projekt in unterschiedlichen, subjektiven Zugängen. „Unsere Schwerpunktsetzung ist zweigeteilt, entsprechend unseren Sichtweisen als Bildhauer und als Architekt. Zum einen geht es um die skulpturalen Qualitäten der Gebäude, die Materialität und die verschiedenen Oberflächen, zum anderen um die Raumbildung, die funktionale Konzeption und die Einbindung in das Umfeld.“ Eine individuelle Arbeitsweise miteinbringend, forscht Martin akribisch mit viel Wissen und einem mittlerweile umfangreichen Zettelkasten als Basis nach Details, arbeitet die Grundlagen auf und zeichnet neue Pläne.

Wohnexperimente

Werner, der Bildhauer, der noch bis 8. November in einer dialogischen Präsentation mit Gerold Tagwerker im Bregenzer Künstlerhaus präsent ist, geht als Fotograf unvoreingenommen auf die Gebäude zu und schafft mit der Kamera seine eigenen Interpretationen, ohne die Vorlagen aus der Fachliteratur vor Augen zu haben. Mit selbst gebauten Rahmen für die Fotografien, Hockern und einem Regal für ein Archiv von domus-Magazinen tritt auch die haptische Komponente zutage.

Bestechend ist jedoch die Vielfalt, das Nebeneinander von kleinen Wohnbauten wie der „Casa Rossa“ von Gino Valle, über die sprechende Architektur des einer Schreibmaschinentastatur nachempfundenen Olivetti-Hotels in Ivrea, bis hin zu utopisch anmutenden, riesigen Wohnanlagen, kühnen Wohnexperimenten oder den eigenwilligen Entwürfen für Ferienhäuser. Ein Sommerhaus in Baratti von Vittorio Giorgini mit seinen amorphen Formen oder das wie ein Loos-Zitat erscheinende erste Gebäude von Aldo Rossi sind nur zwei Preziosen dieser gut aufbereiteten Schau, die ein kleines Gesamtkunstwerk in sich ist.

Begleitet wird die Schau von einem wunderschön gestalteten Buch, das Logbuch und Nachschlagewerk in einem ist. Zeitgleich und ergänzend findet im aut.architektur und tirol in Innsbruck die Ausstellung „ITALOMODERN 2“ statt.

Die Ausstellung ist im Vorarlberger Architektur Institut vai, Marktstraße 33, in Dornbirn, bis 13. Februar 2016 geöffnet, Di bis Fr, 14 bis 17 Uhr, Do, bis 20 Uhr, Sa, 11 bis 15 Uhr. Ausstellungsgespräche: 10. November, 3. und 16. Dezember, 14. und 28. Jänner, jeweils 18 Uhr.