Ein Kreuz mit den Gipfeltreffen

Kultur / 06.11.2015 • 22:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Tagung begann gestern Abend in St. Christoph mit einem Referat, einer Lesung und einer Diskussionsrunde. Foto: VN/CD
Die Tagung begann gestern Abend in St. Christoph mit einem Referat, einer Lesung und einer Diskussionsrunde. Foto: VN/CD

Am Arlberg bildet sich ein weiteres Symposium. Im Hospiz ist das Thema sehr brisant.

Christa Dietrich

St. Christoph. Religion, was ist das? Ist das gefährlich? Abgesehen davon, dass der deutsche Theologe Thomas Möllenbeck seinem einleitenden Referat etwas Plakatives voranstellen wollte, ist doch die Gefahr, die von der Religion ausgehen könnte, auch jenes Thema, das Wissenschaftler, Vertreter des Klerus und Interessierte an diesem Wochenende beschäftigt. Der Titel „Gipfel der Religionen“ ist einerseits vom Ort abgeleitet, andererseits sicher als Bonmot zu verstehen.

Jedenfalls befindet sich im Hospiz-Resort unweit der Arlbergpasshöhe nicht nur eine Konzerthalle, in der seit Anfang Oktober ein umfangreiches Programm läuft, sowie eine Kunsthalle, die Ende November eröffnet wird, sondern nun auch ein Podium, das den Schluss zulässt, dass sich in unmittelbarer Nähe nun zwei Symposienorte (zwei Gipfeltreffen) befinden. Dem zwanzigjährigen Philosophicum Lech will man zwar nicht den Rang ablaufen (dessen Größe und Breitenwirkung wird man auch nicht erreichen), schon der Auftakt des Hospiz-Symposiums am gestrigen Abend lässt aber den Schluss zu, dass man es ernst meint mit der hochprofessionellen Auseinandersetzung.

Gut und Böse

Die Runde war noch klein, wird sich am Samstag und Sonntag aber sicher vergrößern, und außerdem ist angedacht, die Referate zusammengefasst zu publizieren. Man hatte bei der Wahl des Themas, die man vor einem Jahr traf, noch nicht davon ausgehen können, dass es nun so brisant ist, erklärt Martin Kogler, jener Historiker, der die Referenten vorschlug. Nun stelle sich aber deutlich heraus, dass die Politik die Aufgaben nicht alleine lösen kann; wenn es um Versöhnung geht, sind auch Theologen gefragt. Geladen wurden etwa mit Walther Rothschild ein Rabbiner, der das liberale Judentum vertritt, mit Muhamed Fazlovic ein Theologe, der mit aktuellen Konfliktfragen im Bezug auf den Islam vertraut ist, und mit Msgr. Giampietro Dal Toso ein Mitarbeiter des Vatikans.

Die Kernthematik, inwiefern Religion negativ konnotiert oder zur Gefahr wird, stand bei der Aufwärmrunde schon auf dem Tapet. Auf der Basis seines Romans „Die amerikanische Fahrt“, in dem es unter anderem auch um ein sich martialisch zuspitzendes, reales Nachspielen von Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs geht, erörterte der deutsche Schriftsteller Patrick Roth philosophische Fragen. Den strafenden Gott des Alten Testaments will Roth bei der Betrachtung der katholischen Kirche nicht vom barmherzigen des Neuen Testamtes getrennt sehen. Während es im philosophischen Sinn um das Aushalten von Gegensätzen geht, stellt sich für den Menschen die Frage, wie weit man auf das Böse zugehen kann oder das Böse in sich zulässt, um etwa zu einer Mitte zu gelangen. „Religion wird dann gefährlich, wenn sie säkularisiert wird“, hielt der Theologe Thomas Möllenbeck fest. Seinem Versuch, Behauptungen zu widerlegen, dass die katholische Kirche etwa 100 Millionen Opfer verursacht hat, müsste man entgegnen, dass es keine Frage sein kann, ob die Zahl wirklich so hoch ist. Säkularisierungsformen der Religion – wobei Möllenbeck den Nationalsozialismus und den Kommunismus erwähnt – hätten zu ähnlich vielen Toten geführt. Abgesehen davon, dass es weitere Säkularisierungsformen gibt, sieht Möllenbeck, wie er im Gespräch mit den VN ausführt – einmal ganz unphilosophisch ausgedrückt –, eine Gefahr, sobald ein Staat religiöse Versprechen einlösen will. Gewalt sei nur in Form der Selbstverteidigung überhaupt eine Möglichkeit, damit ist beispielsweise die Todesstrafe für den Christen ein No-Go.

Unproblematisch könnte Religion dann sein, wenn Gott nicht als Tyrann gedacht wird.

Thomas Möllenbeck

Die Tagung „Gipel der Region“ findet am Kunstort „Arlberg 1800“ bis 8. November statt. Die Kunsthalle wird am 21. November eröffnet.